Kirill Serebrennikov verteilt sein erstes Berliner Festival über fünf Spielstätten, die nicht zueinander gehören — zehn Tage lang wird die Ortlosigkeit einer Compagnie ohne eigenes Haus zur ästhetischen Behauptung, dass Exil auch eine Form sein kann.
Während die Festivallandschaft auf Wiedererkennbarkeit und algorithmische Sicherheit setzt, finanziert Pop-Kultur zum zwölften Mal fünfzehn Künstlerinnen und Künstler dafür, etwas auf die Bühne zu bringen, das vorher nicht existiert hat — eine Struktur, die Risiko nicht als Marketingstrategie, sondern als Arbeitsprinzip begreift.
Beim Heroines of Sound 2026 im Radialsystem macht Co-Kuratorin Midori Hirano die Netzwerke japanischer Klangkünstlerinnen in Europa sichtbar, die längst existieren, aber in der Festivallandschaft systematisch übersehen werden — und verschiebt damit die Frage von Repräsentation zu Struktur.
Nach zwanzig Jahren wagt das Museum für Fotografie den Bruch mit der eigenen Dauerausstellung und übersetzt Helmut Newtons Lebenswerk in einen immersiven Filmraum — ein Versuch, die Legende vom Sockel zu holen, ohne sie zu demontieren.
Ambra aus dem Walbauch, Taxonomie für einen Vogel: Im KINDL fragen zwei Lecture Performances, was passiert, wenn menschliche Ordnungssysteme auf Wesen treffen, die keine Kategorie brauchen.
Im Ballhaus Berlin, einem Tanzsaal, der seine Narben als Dekoration trägt, bauen The Velvet Creepers mit NOCTURNE einen queeren Zirkus für Nachtgeschöpfe — nicht als Weimar-Nostalgie, sondern als körperlicher Anspruch auf ein Erbe, das nie nur Glitzer war.
350 Abschlussarbeiten aus einem Jahrzehnt internationaler Type-Design-Masterstudiengänge ziehen ins Kulturforum ein — und verwandeln eine akademische Leistungsschau in eine begehbare Genealogie der Frage, wie sich Buchstabenformen seit 2016 verändert haben.
Während Berlin an experimenteller Musik erstickt, baut eine monatliche Konzertreihe im Bardo Projektraum still die Szene um, die in der Infrastruktur der Stadt bisher nicht vorgesehen war: FLINTA-Künstlerinnen der Diaspora, die Migration als klangliche Praxis verhandeln.
Siebzig Filme, sechs Weltpremieren, eine Woche lang nur Berlin und Brandenburg: Das achtung berlin filmfestival 2026 stellt in seiner 22. Ausgabe die Frage, was diese Region erzählt, wenn ihr niemand ein internationales Alibi reicht — und das Programm, von Borbála Nagys mehrstimmigem Eröffnungsfilm *Mambo Maternica* bis zu den Hof-Preisträgern im Wettbewerb, deutet darauf hin, dass die Antwort diesmal ungewöhnlich konkret ausfällt.
Zwei Künstlerinnen eröffnen im Studio Я eine fiktive Boutique für Überlebenskleidung — und legen damit offen, dass der Schutz des eigenen Körpers in Mexiko längst privatisiert ist.