achtung berlin 2026: Siebzig Filme, eine Region, kein Alibi
Siebzig Filme, sechs Weltpremieren, eine Woche lang nur Berlin und Brandenburg: Das achtung berlin filmfestival 2026 stellt in seiner 22. Ausgabe die Frage, was diese Region erzählt, wenn ihr niemand ein internationales Alibi reicht — und das Programm, von Borbála Nagys mehrstimmigem Eröffnungsfilm *Mambo Maternica* bis zu den Hof-Preisträgern im Wettbewerb, deutet darauf hin, dass die Antwort diesmal ungewöhnlich konkret ausfällt.
Drei Frauen stehen an Wendepunkten. Eine in Paris, eine in Budapest, eine in Berlin. Sie ringen mit Erwartungen, die ihnen nicht gehören, mit Selbstbildern, die nicht mehr passen. Der Film heißt *Mambo Maternica*, die Regisseurin Borbála Nagy, und wenn dieses Bild nicht wie eine Blaupause für das gesamte achtung berlin filmfestival 2026 klingt, dann hat man das Programm noch nicht gelesen.
Das Festival, jetzt in seiner 22. Ausgabe, funktioniert als Gegenmodell zur Berlinale — nicht glamourös, nicht international, nicht auf das globale Feuilleton schielend. Nur Filme von Filmschaffenden aus Berlin und Brandenburg. Kein Ausweichmanöver Richtung Weltmarkt. Die Frage, die achtung berlin seit 2005 stellt, ist im Grunde immer dieselbe: Was erzählt diese Stadt, wenn sie sich selbst erzählt? Dass diese Beschränkung kein Mangel ist, sondern ein Filter, hat das Festival über 22 Ausgaben hinweg bewiesen — mal überzeugender, mal weniger. Sechs Weltpremieren im diesjährigen Spielfilmwettbewerb, dichtere Verbindungen in die Branche und ein Programm, das thematische Linien erkennen lässt, ohne sie zu erzwingen, deuten auf eine Edition, die ihre eigene Relevanz nicht behaupten muss.
Die Antwort fällt 2026 konkreter aus als in manchen Vorjahren. Rund 70 Filme — Spielfilme, Dokumentationen, Mittellängen, Kurzfilme — verteilt auf eine Woche, vom 15. bis zum 22. April, quer über diverse Berliner Kinos. Sechs Weltpremieren im Spielfilmwettbewerb, eine Deutschlandpremiere, dazu die Sektion „Berlin Spotlights" für Arbeiten, die formal eigensinnig sind, ungewöhnliche Perspektiven einnehmen oder sich an kontroversen Themen abarbeiten. Das Programm zeigt eine auffällige Häufung komplexer weiblicher Protagonistinnen — Frauen, die sich durch Beziehungen, Trauer, Machtpositionen und Schwesternschaften navigieren Was zunächst wie ein kuratierbarer Trend klingt, wirkt bei achtung berlin diesmal weniger wie Programmierung nach Quote und mehr wie ein organisches Ergebnis dessen, wer in Berlin-Brandenburg gerade Filme macht — und worüber.
Der Eröffnungsfilm *Mambo Maternica* läuft im Colosseum in Prenzlauer Berg, einem Kino, das seit 1924 bespielt wird und dessen Langlebigkeit fast zu gut zu achtung berlin passt: ein Ort, der sich immer wieder neu erfinden musste, ohne seinen Standort zu verlassen. Borbála Nagy erzählt darin über drei Städte hinweg von Selbstbestimmung unter Druck — ein Thema, das in der gegenwärtigen europäischen Filmlandschaft nicht selten ist, hier aber durch die Mehrstimmigkeit der Erzählung an Dringlichkeit gewinnt. Drei Frauen, drei Orte, drei verschiedene Formen der gesellschaftlichen Zumutung.
Jenseits des Eröffnungsfilms lohnt ein Blick auf die sogenannten HoFies — Filme, die bei den Internationalen Hofer Filmtagen 2025 ausgezeichnet wurden und nun in Berlin ihre nächste Station finden. *Plan F* von Ina Balon, in Hof mit dem Friedrich Baur Goldpreis und dem Hofer Kritikerpreis für Beste Regie ausgezeichnet, läuft im Spielfilmwettbewerb. Ebenso *Luisa* von Julia Roesler, die in Hof den German Cinema New Talent Award erhielt. Im Dokumentarfilmwettbewerb steht *Where the Waves Took Her* von Jana Stallein, im Kurzfilmwettbewerb *Ishaq* von Tuna Kaptan. Diese Querverbindung zu Hof ist mehr als Programmfüller — sie markiert ein Netzwerk des deutschen Nachwuchskinos, das außerhalb der Berlinale-Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert und gerade deshalb interessant ist. Die Internationalen Hofer Filmtage gelten seit Jahrzehnten als wichtigstes Entdeckungsfestival des deutschen Films
Das Wort „Auswertungsstrategie" ist nicht sexy, aber es ist der Unterschied zwischen einem Film, der auf einem Festival läuft und verschwindet, und einem, der ein Publikum findet. Achtung berlin hat das verstanden. Der Filmpitch, eingebettet in die Branchentage vom 17. bis 22. April, bringt professionelle Filmschaffende aus der Region mit Jury, Pitch-Training und erstmals einem Preis für die beste Projektidee zusammen. Die Partnerschaft mit ENCOURAGE Film Talents und ScriptDOCK deutet auf ein Verständnis hin, dass regionales Kino nicht nur Leinwände braucht, sondern Strukturen. Finanzierung. Wege zum Publikum. Achtung berlin baut seit Jahren systematisch an einem Ökosystem, das über reine Vorführungen hinausgeht — und das ist möglicherweise wichtiger als jeder einzelne Film im Programm.
Was im Kino passieren wird, lässt sich aus Programmtexten nicht ableiten — ein Schnitt, ein Rhythmus, eine Stille im Saal entziehen sich der Analyse auf Distanz. Aber das Programm legt nahe, dass episodisches Erzählen eine starke Rolle spielt, dass Berlin selbst weniger als Kulisse denn als eigene, widersprüchliche Realität auftaucht. Berlin ist im deutschen Kino lange die Stadt der Gentrifizierungsdramen und der Expat-Melancholie gewesen. Die Frage ist, ob dieses Programm einen Bruch mit diesen Narrativen darstellt oder sie nur variiert. Ob tatsächlich ein Bruch vorliegt, wird sich erst nach den Screenings zeigen
Wenn man achtung berlin in den größeren Kontext der Berliner Festivallandschaft stellt, fällt auf, wie präzise es seine Nische besetzt. Die Berlinale ist das Schaufenster. Das Human Rights Film Festival Berlin, das zeitlich nicht weit entfernt liegt, politisiert Kino explizit unter dem Motto „Where Stories Fight Back". Achtung berlin tut weder das eine noch das andere. Es schaut nach innen, aber nicht nabelschauend. Es fragt: Was produziert diese Region, wenn man ihr eine Woche lang zuhört? Die Antwort ist kein einzelnes Statement, sondern ein Durcheinander aus 70 Stimmen, von denen einige leise und andere laut sein werden, einige brillant und einige mittelmäßig. Das ist keine Schwäche. Das ist die ehrlichste Form, eine Filmlandschaft abzubilden.
Achtung berlin existiert seit 2005 und hat sich von einem kleinen Showcase zu einem festen Bestandteil des Berliner Festivalkalenders entwickelt Ob es jemals die Aufmerksamkeit bekommen wird, die die Berlinale genießt, ist die falsche Frage. Die richtige: Gibt es Filme, die ohne dieses Festival nie ein Publikum finden würden? 22 Jahre und 70 neue Filme sagen: offensichtlich.