Im Ballhaus Berlin, einem Tanzsaal, der seine Narben als Dekoration trägt, bauen The Velvet Creepers mit NOCTURNE einen queeren Zirkus für Nachtgeschöpfe — nicht als Weimar-Nostalgie, sondern als körperlicher Anspruch auf ein Erbe, das nie nur Glitzer war.
Während Berlin an experimenteller Musik erstickt, baut eine monatliche Konzertreihe im Bardo Projektraum still die Szene um, die in der Infrastruktur der Stadt bisher nicht vorgesehen war: FLINTA-Künstlerinnen der Diaspora, die Migration als klangliche Praxis verhandeln.
Marina Abramović verwandelt den Lichthof des Gropius Bau in ein vierstündiges Ritual aus balkanischer Folklore, nackten Körpern und kollektiver Ekstase — und stellt damit die Frage, ob verschüttete Fruchtbarkeitsriten in einem Haus, das Krieg und Teilung in seinen Mauern trägt, eine Energie freisetzen können, die mehr ist als Spektakel.
Mudar Al-Khufash bringt mit Dialectics of Erasure eine Lecture-Performance ins Berliner Ringtheater, die ihr Publikum mit einer Kamera konfrontiert und fragt, ob Bezeugen Komplizenschaft ist — siebzig Minuten ohne Ausweg, ohne Auflösung.
Ein Ballett über Nureyevs Flucht aus der Sowjetunion, selbst aus Russland verbannt, kommt als weltweit erste Aufführung außerhalb Moskaus nach Berlin — in eine Compagnie, deren Tänzerinnen und Tänzer ihren eigenen Sprung ins Ungewisse kennen.
Niv Sheinfeld und Oren Laor zerlegen im DOCK ART Theater die Requisiten bürgerlicher Romantik — Mahler, Blumen, Plattenspieler — bis unter dem Kitsch etwas sichtbar wird, das fragiler und hartnäckiger ist als jedes Klischee.
Miet Warlop dehnt einen einzigen Song über eine Stunde, lässt zwölf Performende auf der Bühne rennen, bis die Grenze zwischen Choreographie und echtem Zusammenbruch verschwindet — und baut daraus ein Werk, das gleichzeitig als absurde Komödie und als Requiem für die Sterblichkeit funktioniert.
Fünfzig Snare Drums, fünfzig queere Körper, ein Parcours im Radialsystem V: Luxa M. Schüttler nimmt bei MaerzMusik 2026 das rigideste aller Instrumente und lässt es etwas anderes tun – ein akustisches Gruppen-Selfie, das niemandem gehört.
Bei SHADE 22 stellt Kinga Vargas Choreografie *Kompt* eine Frage, die im zeitgenössischen Tanz selten so direkt gestellt wird: was vom Körper bleibt, wenn das Leben daraus verschwindet — nicht als große Geste, sondern als stille, fast zärtliche Konfrontation.
Mit 83 Jahren bringt Katalin Ladik ihre Stimme und ihren Körper in die LEVY Galerie nach Berlin-Moabit — keine Retrospektive, keine Musealisierung, sondern eine Frau, die seit sechs Jahrzehnten Poesie mit dem Material des eigenen Körpers schreibt und sich dabei jeder Befriedung entzieht.