The Third Dance: Zwei Körper, ein Plattenspieler und das Ende der Romantik
Niv Sheinfeld und Oren Laor zerlegen im DOCK ART Theater die Requisiten bürgerlicher Romantik — Mahler, Blumen, Plattenspieler — bis unter dem Kitsch etwas sichtbar wird, das fragiler und hartnäckiger ist als jedes Klischee.
Ein Plattenspieler, ein Strauß Blumen, Mahler auf der Nadel. Requisiten so aufgeladen mit kultureller Bedeutung, dass sie fast schon ironisch wirken — und genau dort beginnt The Third Dance von Niv Sheinfeld und Oren Laor. Nicht in der Ironie, sondern in dem schmalen Spalt zwischen Klischee und dem, was darunter liegt, wenn man die Schichten abzieht.
Die beiden israelischen Choreografen bringen ihre Arbeit am 27. und 28. März 2026 ins DOCK ART Theater in der Kastanienallee, Prenzlauer Berg. Der Raum fasst bis zu 99 Plätze — eine Intimität, die für The Third Dance entscheidend sein dürfte. DOCK 11 hat sich über drei Jahrzehnte als einer der verlässlichsten Orte für zeitgenössischen Tanz in Berlin etabliert, mit einem Programm, das auf Substanz statt Spektakel setzt. Für ein Stück, das von der Nähe zwischen zwei Menschen lebt, ist das kein Kompromiss, sondern eine Bedingung.
Sheinfeld und Laor arbeiten seit 2004 zusammen — als künstlerisches Duo und als Paar. Diese Dopplung ist kein Subtext ihrer Arbeit, sondern ihr Material. Sheinfeld, geboren 1972 im Kibbutz Hanita, tanzte fünf Jahre bei der Liat Dror & Nir Ben-Gal Dance Company, bevor er als unabhängiger Choreograf Werke für die Kibbutz Dance Company und das Bat Sheva Ensemble schuf. Laor, geboren 1971 in Tel Aviv, kam über das Theater zum Tanz, studierte Performance und Regie an der Tel Aviv University. Seit 2009 sind beide Mitglieder des künstlerischen Komitees des Tmuna Theatre in Tel Aviv. In Arbeiten wie Pig, Two Room Apartment und Post-Martha haben sie über zwei Jahrzehnte eine zunehmend verdichtete Sprache für das entwickelt, was passiert, wenn zwei Menschen gleichzeitig sie selbst und ihre Bühnenversionen sind.
Was The Third Dance besonders auflädt, ist die Genealogie, in die sich das Stück stellt. Bereits ihre Rekonstruktion von Two-Room Apartment — dem kanonischen Duett von Liat Dror und Nir Ben-Gal — war keine bloße Wiederaufführung, sondern eine Übersetzung: ein Stück, das für ein heterosexuelles Paar geschaffen worden war, musste für zwei Männer neu gedacht werden. „We did not want to be representational," sagte Laor. „We wanted it to be here and now and for us and for the audience.". Die Geschlechterstereotypen des Originals, die „battle of the sexes"-Dynamik, wirkten auf sie überholt. Was sie behielten, war die minimalistische Ästhetik, die alltäglichen Bewegungen, die repetitiven Muster. Was sie änderten, war alles andere.
The Third Dance setzt diese Linie fort und verschiebt den Fokus. Laut einer Rezension im Jerusalem Post handelt es sich um „an impressive, valid and very beautiful work, totally their own, that incorporates components from their life as a gay couple". Das Stück beginnt im Reich der Romantik und ihrer vertrauten Codes — Mahlers Musik, Blumen, der Plattenspieler als Fetischobjekt bürgerlicher Gefühlskultur — und dekonstruiert diese Symbole Schicht für Schicht. Was Sheinfeld und Laor als Kern freilegen wollen: eine fragile, hartnäckige Sehnsucht nach Anerkennung, nach Gesehenwerden. Liebe, Sterblichkeit, der menschliche Wunsch, nicht unsichtbar zu sein.
Berichte von früheren Aufführungen zeichnen ein konkretes Bild: häusliche Szenen — ein Blumenstrauß wird arrangiert, Elton John läuft auf dem Plattenspieler, eine Rose wird zum Mikrofon — die plötzlich kippen. „Do you love me?" wird zur hysterischen Forderung. Blumen werden zerrissen, bis der Boden in Blütenblättern liegt. Die Körper schneiden durch den Raum, stürzen sich, fegen über den Boden. Tanztheater, das seine eigene Sentimentalität gleichzeitig feiert und zertrümmert — und in diesem Widerspruch etwas findet, das aufrichtiger ist als beides für sich genommen.
Ein Bericht über eine Aufführung in den 7Stages in Atlanta beschreibt den Schluss als einen Moment, in dem unklar wird, ob Sheinfeld und Laor als sie selbst im Alter tanzen oder als sie selbst im mittleren Alter, die das Alter proben. Diese Unbestimmtheit — diese Schwebe zwischen Projektion und Gegenwart, Hoffnung und Angst — scheint das eigentliche Terrain des Stücks zu sein. Es geht nicht darum, die Romantik abzulehnen oder zu retten, sondern darum, sie als das zu zeigen, was sie ist: ein Vokabular, das gleichzeitig zu viel verspricht und nicht genug sagt.
Interessant ist eine Spannung in der Beschreibung des Berliner Gastspiels: Die Eventankündigung spricht von „atmospheric synth-pop, melancholy, and electronic energy through live vocals and movement." Das passt weniger zu Mahler und zerrissenen Rosen als zu einem anderen Register — möglicherweise hat sich das Stück seit den dokumentierten Aufführungen weiterentwickelt, möglicherweise ist die Beschreibung schlicht ungenau. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Veranstalter-Ankündigung ein Werk in ein anderes Licht rückt als die Künstler selbst. Was gesichert scheint: Sheinfeld und Laor haben in ihrer zwanzigjährigen Zusammenarbeit die Grenzen zwischen Performance-Kunst, physischem Theater und Tanz konsequent verwischt. Ob The Third Dance in Berlin mit Live-Gesang und Synth-Pop arbeitet, bleibt abzuwarten.
DOCK 11 hat mit Formaten wie dem MASH Dance Berlin Festival — einer Kooperation mit dem Machol Schalem Dance House in Jerusalem — über Jahre eine spezifische Achse zwischen Berliner und israelischer Tanzszene gepflegt. In einer Stadt, die sich gern über ihre Clubs definiert, ist das eine andere Art von kultureller Ausdauer: leise, langfristig, aufmerksam für Szenen jenseits des Mainstreams.
Was bleibt, wenn Mahler verklingt und die Blütenblätter auf dem Boden liegen? Sheinfeld und Laor umkreisen seit zwei Dekaden eine Frage, ohne sie je zu beantworten: Was ist das Verhältnis zwischen dem, was wir fühlen, und den Formen, die die Kultur uns dafür gibt? Die Romantik liefert Rosen und Symphonien. Das Leben liefert zwei alternde Körper, die sich kennen wie sonst niemand. The Third Dance existiert in diesem Zwischenraum — dort, wo der Kitsch kippt und etwas freilegt, das keinen Namen hat, aber einen Körper braucht.