Noise Is a Queer Space: Fünfzig Snare Drums gegen die Ordnung
Fünfzig Snare Drums, fünfzig queere Körper, ein Parcours im Radialsystem V: Luxa M. Schüttler nimmt bei MaerzMusik 2026 das rigideste aller Instrumente und lässt es etwas anderes tun – ein akustisches Gruppen-Selfie, das niemandem gehört.
Snare Drums sind merkwürdige Objekte. Sie gehören zum militärischsten aller Instrumente, zum Apparat der Disziplin, des Marsches, der geraden Linie. Und genau dieses Instrument stellt Luxa M. Schüttler ins Zentrum einer Installation, die queere Klangräume schaffen will. Das ist kein Zufall. Das ist eine Geste: Nimm das rigideste Werkzeug, das du finden kannst, und lass es etwas anderes tun.
Am 28. März zeigt Schüttler *Noise Is a Queer Space* im Radialsystem V als Teil von MaerzMusik 2026. Die Arbeit ist ein installationsbasierter Parcours, ein soziales Spielfeld, in dem Klang aus queeren Perspektiven untersucht wird. Rund 50 Gäste aus der LGBTQIA+-Community sind eingeladen, nicht als Publikum, sondern als Teilnehmende. Die Grenzen zwischen Komposition, Installation und freiem Spiel sollen verschwimmen. Schüttler nennt das Ergebnis ein „akustisches Gruppen-Selfie: queer, solidarisch, persönlich, hedonistisch."
Das Wort „Gruppen-Selfie" klingt erstmal leichtfüßig, fast ironisch. Aber es steckt eine präzise Idee darin: Ein Selfie ist kein Porträt. Kein Blick von außen, keine gerahmte Repräsentation. Es ist ein Blick von innen, flüchtig, provisorisch, von der Gruppe selbst bestimmt. Auf die zeitgenössische Musik übertragen, untergräbt das ziemlich gezielt den Autorenschaftsbegriff, der diese Szene seit Jahrzehnten strukturiert. Keine Partitur, die vom Komponisten herab an Interpreten gereicht wird. Stattdessen ein Setting, in dem Klang entsteht, weil Menschen in einem Raum zusammen sind.
Die Besetzungsliste liest sich wie ein Netzwerk quer durch die experimentelle Musikszene, von Skandinavien bis Südamerika, von akademischer Komposition bis Club Culture. Jennifer Torrence, norwegische Perkussionistin und Performerin, teilt die Bühne mit Komponistinnen wie Chaya Czernowin. Ricardo Eizirik, brasilianischer Komponist und DJ, der als auto\_timer zwischen zeitgenössischer Musik und Club Culture operiert, liefert Beats – inklusive eines Brazilian-Funk-Beitrags. Jennifer Walshe, Neo Hülcker, Sara Glojnarić, Laure M. Hiendl: Das Programm umfasst rund zwanzig namentlich genannte Beteiligte, plus die eingeladene Community. Die stilistische Bandbreite reicht von Hiendls Auseinandersetzung mit Score-Sampling und digitaler Kapitalismuskritik über Eizirik's Beschäftigung mit kolonialen Geschichten bis zu Kari Watson und dem schwedischen Queer-Noise-Projekt Seroconversion.
Seroconversion verdient einen genaueren Blick, weil es die theoretische Grundlage der gesamten Arbeit verdichtet. Das Projekt, getragen von Johan Sundell und Birt Berglund, definiert „queer" als unerwünschtes Begehren und „Noise" als unerwünschten Klang – und fragt, was passiert, wenn man diese zwei Formen des Unerwünschten zusammenbringt. Sie berufen sich auf ACT UPs Slogan „SILENCE = DEATH" und drehen ihn akustisch: „NOISE = LIFE". Lärm machen heißt Raum einnehmen – klanglich, körperlich, politisch. Das ist nicht nur ein Manifest, sondern eine spezifische Praxis: Performances, Klanginstallationen, Audiowalks, theoretische Texte. Die Arbeit bewegt sich durch öffentliche Toiletten als queere Räume, Glory Holes als Gräber, Quarantäne als ideologische Produktion – Motive, die direkt aus der Geschichte der AIDS-Krise stammen und die Frage stellen, welche Körper Raum einnehmen dürfen und welche zum Verschwinden gebracht werden. Die Verknüpfung von Queerness und Noise hat hier nichts Metaphorisches. Sie ist materiell: Klang als physisches Phänomen, als Vibration, die sich nicht abschalten lässt. Man kann die Ohren nicht schließen wie die Augen. Diese Unvermeidlichkeit des Klangs – sein Eindringen in den Körper, ob gewollt oder nicht – macht ihn zu einem queeren Medium.
Im Radialsystem V wird diese Theorie räumlich. Das ehemalige Pumpwerk an der Spree, im späten 19. Jahrhundert als Teil des Berliner Abwassersystems gebaut, 2006 zum Kunstraum umfunktioniert, spannt Backsteingotik gegen moderne Glasanbauten, schwere Hallen im Erdgeschoss gegen lichtdurchflutete Studios darüber. Ein Gebäude, das selbst die Spannung zwischen Rigidität und Durchlässigkeit verkörpert, die Schüttlers Arbeit verhandelt. Ein Parcours in diesen Räumen bedeutet, sich durch akustisch sehr unterschiedliche Zonen zu bewegen: Stein reflektiert anders als Glas, niedrige Decken komprimieren Klang anders als hohe Hallen. Was ich nicht einschätzen kann: wie sich fünfzig Menschen, die gemeinsam Klang erzeugen, in diesen Räumen anfühlen. Ob die Luft vibriert. Ob es laut wird oder leise. Ob der Hedonismus, den Schüttler verspricht, sich einstellt oder ob die Ehrfurcht vor dem Saal die Körper diszipliniert, bevor sie angefangen haben.
Was ich einschätzen kann, ist das Muster. Die Verbindung von Queerness und experimentellem Klang ist kein neuer Diskurs – J. Jack Halberstams Konzept des „Queer Space", Pauline Oliveros' Deep-Listening-Praxis, die Noise-Tradition von der feministischen Szene um Projekten wie *Her Noise* haben den Boden bereitet. Die theoretische Arbeit existiert. Aber zwischen theoretischer Verknüpfung und institutioneller Praxis liegt ein Unterschied. *Noise Is a Queer Space* findet nicht in einem Off-Space statt, nicht in einer Kellerbar, nicht auf einem selbstorganisierten Festival. Es findet im Rahmen von MaerzMusik statt, dem Festival für Zeitfragen der Berliner Festspiele – also in einem der sichtbarsten Kontexte für zeitgenössische Musik in Europa. Und es lädt fünfzig queere Personen nicht als Repräsentationsgeste ein, sondern als klangerzeugende Subjekte. Das ist, soweit ich die Programmgeschichte von MaerzMusik überblicken kann, in dieser Form und Größenordnung ungewöhnlich.
Wer profitiert, wenn institutionelle Räume sich für marginalisierte Praxen öffnen? Ist es die Praxis, die endlich die Sichtbarkeit bekommt? Oder die Institution, die sich mit queerer Energie auflädt, ohne ihre Strukturen zu ändern? Schüttlers Ansatz – Autorschaft untergraben, die Community zur Mitautorin machen, die Unterscheidung zwischen Komponist und Ausführendem auflösen – scheint genau diese Frage mitzudenken. Ein Gruppen-Selfie gehört niemandem. Es gehört allen, die drauf sind. Und es verschwindet, wenn man versucht, es zu rahmen und an die Wand zu hängen.
Um 22:45 beginnt die Aufführung, spät genug, dass die Nacht schon begonnen hat. Noise, per Definition, ist das, was nicht in die Ordnung passt. Dass es einen Raum braucht, um nicht zu passen, ist vielleicht die ehrlichste Sache, die ein Festival sagen kann.