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enderu

RADAЯ und die langsame Arbeit am Klang

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Während Berlin an experimenteller Musik erstickt, baut eine monatliche Konzertreihe im Bardo Projektraum still die Szene um, die in der Infrastruktur der Stadt bisher nicht vorgesehen war: FLINTA-Künstlerinnen der Diaspora, die Migration als klangliche Praxis verhandeln.

Eine brasilianische Klangkünstlerin befestigt Luftballons an ihrer Querflöte. Nicht als Gag, nicht als Deko — sondern um ein Instrument, das seit Jahrhunderten denselben maskulin-normierten Klangidealen folgt, von innen heraus zu sprengen. Marina Cyrino nennt das, was sie tut, manchmal Fabrikation, manchmal Dekonstruktion, manchmal Fabulation. Es ist ein brauchbares Vokabular für das, was bei RADAЯ passiert.

Am 15. April geht die monatliche Konzertreihe RADAЯ: Experimental Session in ihre neue Runde im Bardo Projektraum in der Jessnerstraße in Friedrichshain. Kuratiert von Sorora e.V. und gefördert durch Musikfonds e.V., versammelt die Serie seit über einem Jahr FLINTA-Künstlerinnen mit Migrationsbiografie, die im Bereich Klang, Performance und sonisches Experiment arbeiten. Das Programm reicht von Noise über Live Coding und Field Recordings bis hin zu stimmbasierten Kompositionen — alles, was sich konventionellen Formatgrenzen verweigert.

Die Reihe hat bisher mindestens fünf dokumentierte Sessions durchgeführt Was auffällt: Die bisherigen Line-ups lesen sich wie ein Netz experimenteller Diaspora-Praxis in Berlin. Karen Chalco, die mit DIY-Schaltkreisen und Open-Source-Programmierung unberechenbare Klangumgebungen baut. Marina Cyrino mit ihrer präparierten Flöte. Gubbi Ann. Die Reihe zeichnet keine Szene nach, die bereits existiert und nur noch abgebildet werden müsste. Sie schafft einen Raum, in dem diese Szene überhaupt erst sichtbar und hörbar wird.

Das ist kein triviales Unterfangen. Berlin hat keinen Mangel an experimenteller Musik. Die Stadt ist übersättigt mit Noise-Abenden, Klangkunst-Installationen, modularen Synthesizer-Jams in Hinterhöfen. Was Berlin allerdings hat, ist ein chronisches Strukturproblem: Die Infrastruktur experimenteller Musik — Festivals, Labels, Förderungen, Netzwerke — reproduziert zuverlässig bestimmte demografische Muster. Überwiegend weiß, männlich, westeuropäisch oder nordamerikanisch, akademisch sozialisiert. Die Musik mag radikal klingen. Die Zusammensetzung der Akteure ist es selten.

RADAЯ setzt genau hier an, und zwar nicht als Quotenveranstaltung, sondern mit einer kuratorischen These: dass Diaspora-Erfahrung und experimentelle Klangpraxis einander bedingen. Dass die Erfahrung von Migration — die Fragmentierung, das Dazwischen, die Neuverhandlung von Identität — selbst eine experimentelle Praxis ist, die sich in Klang übersetzen lässt. Das ist eine starke Behauptung. Ob sie in jeder einzelnen Session eingelöst wird, kann ich nicht beurteilen. Aber als kuratorischer Rahmen ist sie präzise und notwendig.

Der Bardo Projektraum, in dem die Reihe stattfindet, ist kein beliebiger White Cube. Der Raum hat sich als Ort für migrantisch-diasporische Kunstpraxis profiliert Die Ausstellung „Territorial Bodies", die Marcela Villanueva dort kuratiert hat, kreiste um Exil, Erinnerung und verkörperten Widerstand — um Körper, die Landschaften in sich tragen, auch wenn Grenzen sie von ihnen trennen. Der Bardo Projektraum in der Jessnerstraße ist nicht einfach ein verfügbarer Veranstaltungsort, sondern ein programmatisch konsistenter Ort. RADAЯ passt hierher, weil der Raum selbst eine Haltung hat.

Was konkret am 15. April passiert, ist zum Zeitpunkt dieses Textes noch offen — die Künstlerin oder der Künstler für die nächste Session ist noch nicht öffentlich angekündigt Was sich aber aus den bisherigen Sessions rekonstruieren lässt, gibt eine ziemlich genaue Vorstellung: Nach bisherigem Muster Türen um 19:30, Performance um 20:00, Tickets auf Sliding-Scale-Basis. Ein intimes Setting — der Bardo Projektraum fasst keine Massen. Eine Künstlerin, ein Instrument oder eine Apparatur oder beides gleichzeitig, ein Raum, der zum sonischen Labor wird. Danach, und das ist vielleicht der entscheidende strukturelle Unterschied zu den meisten experimentellen Konzertformaten: ein offenes Gespräch mit der Künstlerin.

Dieses Gespräch ist kein Add-on, kein obligatorisches Q&A. Es ist der zweite Akt des Abends. Experimentelle Musik leidet oft unter einer Hermetik, die sie selbst nicht intendiert — das Publikum sitzt da, versucht, das Gehörte einzuordnen, geht nach Hause mit einem diffusen Gefühl. Bei RADAЯ wird der Raum nach der Performance geöffnet, die Prozesse hinter der Praxis werden besprechbar. Wenn Marina Cyrino erklärt, warum sie Ballons an ihre Flöte bindet — dass es um die Rückeroberung einer „intimen klanglichen Imagination" geht, um eine „verkörperte Materialität", die sich gegen die, wie sie es nennt, „phallozentrische Tradition" des Flötenbaus und -spiels richtet —, dann ist das keine akademische Fußnote, sondern die eigentliche politische Dimension des Abends.

Hier wird ein Muster sichtbar, das über RADAЯ hinausweist. Die Art, wie experimentelle Kultur in Berlin organisiert wird, verschiebt sich. Nicht mehr der große Festivalslot, nicht der institutionelle Auftrag, nicht die Galerie mit Presseliste. Sondern monatliche Formate, oft von Vereinen getragen, mit Sliding-Scale-Tickets und Community-Gesprächen, in kleinen Projekträumen, die programmatisch kuratiert werden statt Fläche zu vermieten. Dieses Muster — monatliche Reihen, Vereinsstrukturen, Sliding-Scale-Ökonomie, diskursive Rahmung — taucht in mehreren Berliner Kontexten gleichzeitig auf Es ist eine Infrastruktur, die nicht auf Skalierung aus ist, sondern auf Wiederholung. Auf die langsame Arbeit, eine Szene nicht zu bespielen, sondern aufzubauen.

RADAЯ braucht keine ausverkaufte Volksbühne, um relevant zu sein. Was die Reihe braucht, ist genau das, was sie hat: einen Raum, der mitdenkt. Eine Förderung, die Kontinuität ermöglicht. Und ein Publikum, das bereit ist, sich an einem Mittwochabend in Friedrichshain auf Klänge einzulassen, die es nicht kennt, von Künstlerinnen, die es noch nicht kennt, aus Traditionen, die es vielleicht nie kennengelernt hätte.