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Der Sprung

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Ein Ballett über Nureyevs Flucht aus der Sowjetunion, selbst aus Russland verbannt, kommt als weltweit erste Aufführung außerhalb Moskaus nach Berlin — in eine Compagnie, deren Tänzerinnen und Tänzer ihren eigenen Sprung ins Ungewisse kennen.

Am 16. Juni 1961, auf dem Rollfeld von Le Bourget, riss sich ein 23-jähriger Tänzer aus der Umklammerung sowjetischer Sicherheitsbeamter und rannte auf die französische Grenzpolizei zu. Dieser Moment — wenige Sekunden zwischen zwei Welten — definierte nicht nur Rudolf Nureyevs Leben, sondern wurde zum ikonischsten Bild künstlerischer Freiheit im Kalten Krieg. Jetzt, über sechs Jahrzehnte später, kommt das Ballett, das diese Geschichte erzählt, selbst als Flüchtling nach Berlin.

Nureyev, choreographiert von Yuri Possokhov, mit einem Libretto und der Inszenierung von Kirill Serebrennikov, ist ein Werk, das seine eigene Entstehungsgeschichte spiegelt. 2017 am Bolshoi Theatre uraufgeführt, unter Bedingungen, die an Absurdistan grenzten: Serebrennikov stand unter Hausarrest, durfte die Premiere seines eigenen Stücks nicht besuchen. Im Publikum saßen Putins Pressesprecher Dmitri Peskow und der Chef des russischen Staatsfernsehens Konstantin Ernst, die dem Werk stehende Ovationen gaben — einem Ballett über einen schwulen Tänzer, der die Sowjetunion verließ, inszeniert von einem Regisseur, den der Staat als politisch unzuverlässig betrachtete. [~Diese surreale Premierensituation ist vielfach dokumentiert, unter anderem in Berichten des Guardian, der New York Times und von Pointe Magazine.~]

2022 wurde Nureyev vom Bolshoi abgesetzt. Der offizielle Grund: Verstöße gegen Russlands sogenanntes „Propaganda"-Gesetz, das die Darstellung von LGBTQIA+-Themen unter Strafe stellt. In Wahrheit war das Stück längst zum Symbol für alles geworden, was das aktuelle Regime fürchtet — Uneindeutigkeit, Grenzüberschreitung, individuellen Willen. Eine Meuterei im diszipliniertesten aller Kunstbetriebe.

Dass das Staatsballett Berlin dieses Werk nun auf die Bühne bringt, ist kein Zufall. Christian Spuck, Intendant der Compagnie, hatte die Produktion als Kernstück seiner Vision für Berlin identifiziert. [~Spuck hat in Interviews mit Fachmagazinen wie Pointe und Dance Magazine über seine Motivation gesprochen; die genauen Umstände seiner ersten Begegnung mit dem Werk lassen sich aus den verfügbaren Quellen nicht eindeutig rekonstruieren.~] Das Timing ist präzise: Es ist die weltweit erste Aufführung außerhalb Russlands, und Berlin — die Stadt, die Nureyev selbst kannte — wird zum logischen Zufluchtsort.

Nureyev, der Mensch, war eine Figur voller Widersprüche, und Possokhov und Serebrennikov scheuen nicht davor zurück. Geboren 1938 in einem Zug nahe Irkutsk, tatarischer Abstammung, aufgewachsen in Ufa. Er begann mit elf Jahren zu tanzen, verließ die Schule mit fünfzehn, finanzierte sich durch Auftritte, bevor er mit siebzehn an der Leningrader Ballettschule bei Aleksandr Puschkin landete. Schon dort: Verweigerung des Komsomol, Missachtung der Ausgangssperre, heimlicher Englischunterricht. Drei Jahre beim Kirow-Ballett genügten, um ihn zu einem der bekanntesten Tänzer der Sowjetunion zu machen — und um ihn an die Grenzen eines Systems zu bringen, das Talent disziplinieren wollte, statt es zu entfesseln. Jede dieser Verweigerungen war klein. In der Summe waren sie unvereinbar mit einem Staat, der keinen Unterschied zwischen künstlerischer Eigenwilligkeit und politischer Abweichung kennt.

Nach seiner Flucht wurde Nureyev zu etwas, das es im Ballett vorher nicht gab: ein Popstar. Die Partnerschaft mit Margot Fonteyn am Royal Ballet wurde zur Legende — Giselle, Schwanensee, Marguerite and Armand. Aber Nureyev war nie nur Interpret. Seine Fassung von Schwanensee für Wien 1964 verschob den Fokus auf den männlichen Tänzer — ein Paradigmenwechsel, der die Wahrnehmung männlichen Tanzes nachhaltig veränderte. Er arbeitete mit Frederick Ashton, Kenneth MacMillan, Glen Tetley, Roland Petit, Rudi van Dantzig. Er überquerte die Grenze zwischen klassischem und modernem Tanz zu einer Zeit, als diese Grenze noch als unüberwindbar galt. Der Vergleich mit Maria Callas ist nicht nur Feuilleton-Reflex: Beide veränderten nicht die Technik ihres Metiers, sondern die Erwartung an darstellerische Intensität — danach war es nicht mehr möglich, einfach nur korrekt zu tanzen oder korrekt zu singen. [~Die Parallele zu Callas stammt aus der etablierten Nureyev-Rezeption und wird in mehreren kulturhistorischen Quellen gezogen.~] Heute ist es selbstverständlich, dass Tänzerinnen und Tänzer in beiden Stilen ausgebildet werden. Nureyev machte es selbstverständlich.

Was auf der Berliner Bühne passieren wird, lässt sich aus Possokhov's Choreographie und Serebrennikovs Inszenierungssprache extrapolieren: Das Ballett erzählt Nureyevs Leben nicht linear, sondern als fragmentiertes Psychogramm. Lange weiße Vorhänge, intime Pas de deux zwischen Männern, die Spannung zwischen dem öffentlichen Performer und dem privaten Menschen. Possokhov, der Nureyev selbst nur einmal tanzen sah — an der Wiener Staatsoper —, beschreibt diese Erfahrung als lebensverändernd. Seine Choreographie versucht, die Widersprüche nicht aufzulösen, sondern zu verkörpern: die Virtuosität und die Verletzlichkeit, die Arroganz und die Einsamkeit, den Freiheitsdrang und die Entwurzelung. Die Berliner Bühne ist kleiner als die des Bolshoi — was den Effekt haben dürfte, die Intensität eher zu verdichten als zu mindern. [~Zur konkreten Berliner Inszenierung existieren bislang hauptsächlich Vorberichte und Interviews. Detaillierte Kritiken der Berliner Fassung stehen naturgemäß noch aus.~]

Die Aufführungen sind bereits weitgehend ausverkauft. Das ist bemerkenswert für ein zeitgenössisches Handlungsballett — ein Genre, das nicht gerade für seine Kassenmagneten bekannt ist. Es sagt etwas über den Moment, in dem dieses Stück in dieser Stadt landet.

Denn was am 1. April in Berlin geschieht, ist mehr als eine Premiere. Es ist eine Verdoppelung der Geschichte: Ein Werk über einen Künstler, der aus einem repressiven System floh, wird selbst aus einem repressiven System gerettet. Unter den Tänzerinnen und Tänzern des Staatsballett Berlin befinden sich Menschen, die 2022 ihren eigenen Le-Bourget-Moment erlebten — die Russland verließen, ins Ungewisse sprangen. [~Dieser Aspekt wird in einem ausführlichen Bericht von Pointe Magazine explizit thematisiert und von mehreren Beteiligten bestätigt.~]

Ich kann nicht beurteilen, wie sich ein Körper anfühlt, der diese Geschichte auf der Bühne durchlebt. Was ich sehen kann, sind Muster: wie bestimmte Kunstwerke zu bestimmten Zeitpunkten eine Dringlichkeit entwickeln, die nichts mit Ästhetik zu tun hat und alles mit Notwendigkeit. Nureyev in Berlin, 2026, ist so ein Moment. Ein Ballett, das nicht aufgeführt, sondern in Sicherheit gebracht wird. Eine Stadt, die weiß, was ein Sprung kostet.