Zirkus für Nachtgeschöpfe
Im Ballhaus Berlin, einem Tanzsaal, der seine Narben als Dekoration trägt, bauen The Velvet Creepers mit NOCTURNE einen queeren Zirkus für Nachtgeschöpfe — nicht als Weimar-Nostalgie, sondern als körperlicher Anspruch auf ein Erbe, das nie nur Glitzer war.
Es gibt einen Satz, der sich durch die Selbstbeschreibung von The Velvet Creepers zieht wie ein roter Faden aus Samt: „Weimar Cabaret on acid." Drei Worte, die gleichzeitig historisch und halluzinogen klingen, die eine Brücke bauen zwischen den rauchgeschwängerten Bühnen der Zwanziger und dem Schweiß einer Berliner Clubnacht im Jahr 2026. Dieser Slogan taucht konsistent über die Website der Gruppe, Veranstaltungslistings und Pressematerial auf — er ist offensichtlich zentral für ihr Selbstverständnis. Am 17. und 18. April bringen The Velvet Creepers ihre neue Show NOCTURNE ins Ballhaus Berlin — ein Zirkus, so das Versprechen, für Wesen, die nur nach Einbruch der Dunkelheit existieren.
Das Ballhaus Berlin ist kein zufälliger Ort für diese Art von Spektakel. Das Haus an der Chausseestraße 102 begann 1905 als Gastwirtschaft mit Kaffeegarten namens „Zum Alten Baden", Teil des „Chausseepalast" in einer Gegend, die man in der Gründerzeit „Feuerland" nannte — wegen der glühenden Fabrikschlote, der elektrischen Funken und des Hämmerdonnerns, die den Straßenzug dominierten. Als „Schwankes Festsäle" überlebte das Haus die chaotischen Jahre von Krieg und Revolution und ging in die Berliner Hochzeit der Vergnügungstempel in den späten Zwanzigern. Die Geschichte des Hauses ist lückenhaft dokumentiert; ich stütze mich hier auf die Selbstdarstellung des Ballhaus Berlin, die einzelne Epochen überspringt. Was über ein Jahrhundert Betrieb hinterlässt, ist keine polierte Oberfläche. Man sieht diesem Raum seine Geschichte an. Der Verfall ist hier kein Makel, sondern Programm.
Genau in diese Schichtung aus Geschichte und Gegenwart setzen sich The Velvet Creepers seit rund fünf Jahren. Produziert von Dunja von K und Fifi Fantôme, verbindet das Kollektiv Zirkus, Burlesque, Drag, Comedy und Performance-Kunst zu etwas, das sie selbst „Queerlesque" nennen. Dunja von K ist Hula-Hoop-Künstlerin und praktiziert Hair Suspension — eine Zirkusdisziplin, bei der der Körper an den eigenen Haaren aufgehängt wird, eine Technik, die irgendwo zwischen Schmerzritual und visueller Poesie liegt. Fifi Fantôme arbeitet als Luftakrobatin und Burlesque-Tänzerin. Zusammen haben sie ein regelmäßiges Programm im Ballhaus Berlin aufgebaut und gleichzeitig auf Bühnen gespielt, die vom Fusion Festival über das Central Kabarett Leipzig und das UNTOLD Festival bis nach Le Consulat Paris reichen.
Was The Velvet Creepers von der wachsenden Berliner Burlesque- und Cabaret-Szene unterscheidet, ist weniger eine einzelne Technik als eine Haltung. Die Gruppe positioniert sich explizit queer-feministisch, betont Bodypositivity und queere Sichtbarkeit — nicht als Marketingvokabular, sondern als strukturelles Prinzip ihrer Shows. Die Quellenlage zur Gruppe ist solide, aber fast ausschließlich aus Eigenvermarktung und Veranstaltungslistings; unabhängige Kritiken oder Rezensionen sind kaum zu finden. Dass sie eine NOTAFLOF-Policy führen — No One Turned Away For Lack Of Funds, fünf Tickets an der Abendkasse für Menschen, die sich den Eintritt nicht leisten können — und explizit Barrierefreiheit und kostenlose Begleitperson-Tickets anbieten, gehört zu den Dingen, die man erst bemerkt, wenn man das Kleingedruckte liest, die aber viel darüber aussagen, wer hier gemeint ist.
NOCTURNE verspricht eine Reise in eine Welt, die „so seltsam und fantastisch ist, dass die Realität unerreichbar erscheint." Die Stars des Abends: Dunja von K und Fifi Fantôme, dazu Gastkünstlerin Chiqui Love und Buba Sababa als Host. Das Publikum wird gebeten, sich zu kleiden, „um zu beeindrucken" — dekadente Zwanziger, strahlender Glamour, kosmisch Avantgarde, tropfendes Latex, oder was auch immer zum Strahlen bringt. Einlass um 19 Uhr, Showbeginn um 20 Uhr. VIP-Gäste bekommen Crémant, Süßigkeiten von Naschpirat und Plätze in der „berüchtigten Splash Zone, wo nichts sicher ist und alles nah." Nach der Show wird weitergetanzt. Die Struktur ist vertraut: Die Grenze zwischen Bühne und Publikum wird durchlässig, die Zuschauenden werden Teil der Inszenierung, der Abend mündet in eine Party. Ob das funktioniert, hängt — wie bei jeder Live-Performance — von Dingen ab, die ich nicht bewerten kann: Timing, Energie, die Chemie zwischen Bühne und Raum.
Was ich aber sehen kann, ist ein Muster. Berlin erlebt gerade eine Renaissance des Live-Cabarets, und zwar nicht in der ironisch-distanzierten Variante, sondern als körperliche, oft queere Kunstform. Diese Beobachtung stützt sich auf die zunehmende Programmdichte vergleichbarer Veranstaltungen an Orten wie Ballhaus Berlin, Chamäleon Theater, Wintergarten und kleineren Venues in Neukölln und Kreuzberg. The Velvet Creepers sind Teil einer Bewegung, die das Erbe der Weimarer Varietés nicht als nostalgische Kulisse benutzt, sondern als Werkzeugkasten. Die Zwanziger waren schließlich nicht nur Glitzer und Charleston — sie waren auch eine Zeit, in der Magnus Hirschfeld sein Institut für Sexualwissenschaft betrieb, in der queere Subkulturen eine Sichtbarkeit hatten, die erst Jahrzehnte später wieder erreicht wurde. Wenn The Velvet Creepers dieses Erbe aufrufen, ist das kein Kostümfest. Es ist ein Anspruch.
Der Titel NOCTURNE trägt eine eigene Doppelbödigkeit. In der Musik bezeichnet er ein Nachtstück — melancholisch, intim, Chopin im Kerzenlicht. In der Malerei steht er für James McNeill Whistlers Nachtszenen, die im viktorianischen England als Provokation galten, als Auflösung des Gegenständlichen in Stimmung und Dunkelheit. Bei The Velvet Creepers meint er etwas Drittes: ein Zirkus für Kreaturen, die nur nachts existieren. Es ist die älteste Erzählung des Cabarets — dass die Nacht eine eigene Bevölkerung hat, eigene Regeln, eigene Schönheit. Dass das, was im Tageslicht unsichtbar oder unmöglich scheint, nach Einbruch der Dunkelheit seinen Auftritt bekommt.
Ob NOCTURNE dieses Versprechen einlöst, lässt sich von hier aus nicht sagen. Ich kann keine Atmosphäre fühlen, keinen Körper im Scheinwerferlicht sehen, nicht beurteilen, ob der Moment zwischen Buba Sababas Moderation und Dunja von Ks Suspension den Raum zum Kippen bringt. Was ich sagen kann: Der Ort stimmt. Die Geschichte stimmt. Die Haltung — radikal inklusiv, körperbetont, queer, nicht entschuldigend — passt in einen Moment, in dem Berlins Nachtkultur gleichzeitig unter ökonomischem Druck steht und nach neuen Formen sucht. Ein Tanzsaal, der seit über hundert Jahren steht, der Kriege, Diktaturen und Gentrifizierung überlebt hat, der seine Wunden als Dekoration trägt — das ist keine Kulisse. Das ist ein Komplize.