Kuh, Cocteau, Mittelmeer — FIND 2026 fragt, was Theater noch sein darf
Das FIND 2026 an der Schaubühne programmiert Katie Mitchells sprachloses Tierstück neben Lepages Cocteau-Hommage und einem dokumentarischen Seenotrettungsdrama — und stellt damit die Frage, ob Theater überhaupt noch menschlich sein muss, um zu berühren.
Was passiert, wenn eine Bühne aufhört zu sprechen? Keine Dialoge, keine Monologe, keine Worte. Nur Geräusche — das Atmen eines Tiers, das Knirschen von Gras, der dumpfe Rhythmus eines Herzschlags. »Cow | Deer« von Katie Mitchell ist ein Stück, das seine Figuren nicht einmal als Menschen begreift. Es folgt einer Kuh und einem Reh durch einen Tag. Das allein wäre ein Experiment. Dass es als eines der Hauptwerke des diesjährigen FIND — Festival International New Drama — an der Schaubühne läuft, sagt einiges über den Zustand des Gegenwartstheaters.
Vom 16. bis 26. April 2026 richtet die Schaubühne ihr internationales Festival für zeitgenössisches Theater aus, eine Veranstaltung, die seit den späten Neunzigern als eine der wichtigsten Plattformen für neue Dramatik in Europa gilt. Die Anfänge liegen in den von Thomas Ostermeier und Jens Hillje organisierten Programmen an der Baracke am Deutschen Theater Mitte der Neunziger — damals kleine Leseaufführungen und Gastspiele, die dem deutschsprachigen Publikum unbekannte Stimmen näherbrachten Heute versammelt FIND routiniert Arbeiten aus sechs, sieben Ländern pro Ausgabe. Die Logik funktioniert: etablierte Namen neben unbekannten Kollektiven, kanonische Neuinterpretation neben dokumentarischem Experiment. Dieses Jahr kommen die Arbeiten aus Brasilien, Kanada, Griechenland, Großbritannien, Italien und Norwegen.
Im Zentrum steht Katie Mitchell als Artist in Focus. Mitchell gehört zu den wenigen britischen Regisseurinnen, deren Karriere sich fast vollständig auf dem europäischen Festland entfaltet hat — obwohl sie am Royal Court Theatre, am National Theatre und bei der Royal Shakespeare Company gearbeitet hat. Seit Jahren kollaboriert sie regelmäßig mit dem Schaubühne-Ensemble. Ihre Inszenierung von »Orlando« nach Virginia Woolf, adaptiert von Alice Birch, gilt als Schlüsselarbeit ihres jüngeren Schaffens — eine queere Biografie, die vier Jahrhunderte menschlicher Geschichte in Live-Video und Bühnenpräsenz zerlegte
Mitchells Methode ist seit Jahren erkennbar und hat sich doch nie in eine berechenbare Manier verfestigt. Die Verschränkung von Schauspiel, Szenografie und Livekamera erzeugt eine eigentümliche Doppelbelichtung: Das Publikum sieht gleichzeitig den Akt der Herstellung und das fertige Bild, den Körper auf der Bühne und seine mediale Übersetzung. Der Brecht-Vergleich liegt nahe, greift aber zu kurz — Mitchells Verfremdung zielt nicht auf ideologische Bewusstmachung, sondern auf eine Sensibilisierung der Wahrnehmung selbst. Ihr Live-Video entlarvt nicht die Illusion, es multipliziert sie. Dass sie nun mit »Cow | Deer« ein Stück vorlegt, das ganz ohne Sprache auskommt, liest sich wie eine konsequente Radikalisierung: Wenn Live-Video das Wort bereits relativiert hat, warum nicht den nächsten Schritt gehen?
»Cow | Deer«, entstanden als Koproduktion des Royal Court Theatre mit dem National Theatre of Greece und co-kreiert mit Nina Segal und Melanie Wilson, erzählt — wenn man das so nennen kann — einen Tag aus dem Leben zweier Tiere, ausschließlich durch Klang. Es ist ein Stück, das die Frage stellt, ob Empathie an Sprache gebunden ist, ob Theater menschlich sein muss, um zu berühren. Mitchell öffnet FIND mit einer zweiten Arbeit: »Bluets«, nach Maggie Nelsons gleichnamigem Essay-Fragment über Farbe, Verlust und Begehren, adaptiert von Margaret Perry. Das Buch, 2009 erschienen, bewegt sich in 240 kurzen Einträgen zwischen Philosophie, Memoiren und Lyrik — ein Text, der sich einer Bühnenadaption zu entziehen scheint. Dass Mitchell ihn nun nach Berlin bringt, komplettiert zusammen mit »Orlando« aus dem Schaubühne-Repertoire ein Triptychon, das ihre Bandbreite sichtbar macht: literarische Adaption, queere Historiografie, posthumanes Klangtheater.
Neben Mitchell zeigt das Festival Robert Lepages »Needles and Opium«, ein Werk, das inzwischen selbst kanonischen Status besitzt. Lepage erzählt von einem einsamen Mann aus Quebec, der in einem Pariser Hotelzimmer seine Geliebte zu vergessen versucht, und spiegelt diese Sehnsucht in den Biografien zweier Süchtiger: Jean Cocteaus Opiumabhängigkeit und Miles Davis' Heroinsucht. Die Handlung kreuzt Cocteaus desillusionierende New-York-Reise von 1949 mit Davis' gleichzeitigem Paris-Aufenthalt, der die europäische Jazzrezeption veränderte. Lepage hat zuletzt »Glaube, Geld, Krieg und Liebe« an der Schaubühne inszeniert — FIND ist also Fortsetzung einer bestehenden Arbeitsbeziehung, nicht einmaliges Gastspiel
Besonders gespannt darf man auf Kepler-452 sein, das italienische Theaterkollektiv, das mit »A place of safety« zum Festival zurückkehrt. Die dokumentarische Arbeit bringt Besatzungsmitglieder ziviler Seenotrettungsschiffe auf die Bühne — Crew von Life Support, dem EMERGENCY-Schiff und Sea-Watch, die als sie selbst auftreten. Die Produktion ist aus Feldforschung an Bord entwickelt. In einem politischen Klima, in dem die EU-Migrationspolitik sich längst entschieden hat — für Abschottung, garniert mit humanitärer Rhetorik —, ist das Stück keine neutrale Dokumentation, sondern eine Positionierung. Dass FIND diese Arbeit neben Mitchells wortlosem Tierstück und Lepages poetischem Suchtporträt programmiert, erzeugt ein Spannungsfeld, das über kuratorische Diplomatie hinausgeht.
Die Schaubühne steuert zudem Arbeiten aus dem eigenen Repertoire bei, darunter Marius von Mayenburgs »Egal« in seiner deutschen Erstaufführung und Milo Raus »Die Seherin«. Zu den brasilianischen, griechischen und norwegischen Beiträgen finden sich bislang kaum konkrete Informationen
Was kann Theater darstellen, das andere Medien nicht können? Die Antworten, die FIND 2026 vorschlägt, sind radikal verschieden — der wortlose Körper eines Tieres, die süchtige Sehnsucht eines Mannes in einem Hotelzimmer, die dokumentierte Realität eines Rettungsboots im Mittelmeer. Alle drei verweigern sich der Idee, dass Theater primär ein Medium für geschriebene Texte sei. Sie behaupten stattdessen: Theater ist der Ort, an dem Präsenz verhandelt wird — die Präsenz eines Klangs, einer Erinnerung, eines Körpers, der gerettet wurde oder nicht. In Erich Mendelsohns geschwungenem Kinobau am Lehniner Platz, einem Gebäude, das selbst mehrfach die Form gewechselt hat, ist das vielleicht der passendste Rahmen überhaupt.