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Der gemeinsame Kanal — Cloaca und Berlins neue Unsichtbarkeit

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Eine queere Rave-Reihe benennt sich nach dem vor-differenzierten Körperöffnungsprinzip und debütiert im Berliner Ask a punk mit zwei DJs, über die sich nichts Gesichertes sagen lässt — die bewusste Unsichtbarkeit als Geste in einer Stadt, die gerade lernt, ihre Clubkultur ohne Berghain zu buchstabieren.

Cloaca — das lateinische Wort für den gemeinsamen Ausgang, den Kanal, in dem sich bei Vögeln, Reptilien und menschlichen Embryonen Verdauungs-, Harn- und Fortpflanzungstrakt treffen, bevor die Evolution sie voneinander trennt. Oder eben nicht trennt. Es ist ein Wort, das gleichzeitig nach Biologie-Lehrbuch und nach Wim Delvoyes berüchtigter Scheiße-Maschine klingt, nach dem Ort, an dem alles zusammenkommt, was sauber getrennt sein soll. Für eine queere Rave-Reihe, die am 18. April 2026 debütiert, ist das kein schlechter Name.

Cloaca startet am 18. April 2026 im Ask a punk mit DJs Smoko und Formosa Die Details, die nach außen dringen, sind bewusst spärlich: Einlass ab 22 Uhr, 30 Dollar Eintritt — ja, Dollar, nicht Euro, was entweder auf ein internationales Ticketing-System oder darauf hindeutet, dass die Geographie dieses Events weniger gesichert ist, als es scheint. Ein Venue namens Ask a punk, DJs namens Smoko und Formosa. Kein Instagram-Grid voller Teaser-Clips, kein überdesigntes Key Visual, keine zwanzigköpfige Line-up-Ankündigung. In einer Clublandschaft, die zunehmend zwischen professionalisiertem Mega-Event und algorithmisch optimierter Nischen-Vermarktung oszilliert, hat diese Kargheit etwas Entwaffnendes. Oder etwas Kalkuliertes. Wahrscheinlich beides.

Ask a punk — der Venue-Name funktioniert gleichzeitig als Adresse und als Philosophie. Falls das Event tatsächlich in Berlin stattfindet, trifft es auf eine Stadt mit langer, gewundener Geschichte verborgener Orte. Die Stadt, in der David Bowie und Iggy Pop Ende der Siebziger durch das SO36 in Kreuzberg streiften, in der ostdeutsche Punks ihre illegalen Konzerte in Kirchen veranstalteten, weil es die einzigen halbwegs sicheren Räume waren, in der nach dem Mauerfall die Squatter und Kollektive der ehemaligen Punkszene die Freiräume schufen, auf denen Berlins Techno-Mythologie aufgebaut ist. Die Stasi überwachte Punkkonzerte in Ostberlin. Dreißig Jahre später verrät ein Rave-Flyer seine Location erst nach dem Ticketkauf. Die Paranoia hat sich in Ästhetik verwandelt — wobei der Vergleich natürlich hinkt: Zwischen staatlicher Repression und inszenierter Exklusivität liegen Welten. Aber die formale Geste ist dieselbe.

Queere Rave-Reihen sind 2026 kein Novum. Formate wie Room 4 Resistance haben in den letzten Jahren explizit politische Räume innerhalb der elektronischen Musik beansprucht — Räume, die sich als Gegenstruktur zu einer Szene verstehen, die Queerness zwar feiert, aber selten die Machtfragen stellt, die damit einhergehen. Das Feld queerer Clubnächte ist dicht besiedelt — die Frage ist nicht ob Bedarf besteht, sondern was Cloaca anders macht Was unterscheidet Cloaca? Vielleicht der Name selbst und die Haltung, die er transportiert: nicht die Feier der Differenz, sondern die Feier der Ununterscheidbarkeit. Das Cloaca-Prinzip ist nicht Trennung in Kategorien, sondern der gemeinsame Kanal. One hole, one whole. Die Homophonie ist plump genug, um ehrlich zu sein. Wo Room 4 Resistance die Differenz als politische Waffe schärft, scheint Cloaca sie auflösen zu wollen — ein vor-differenzierter Zustand als utopisches Versprechen.

Über Smoko und Formosa lässt sich auf Basis verfügbarer Informationen nichts Gesichertes sagen — keine Resident-Advisor-Profile, keine Interviews, keine Rezensionen kein Pressearchiv, das sich zitieren ließe. Das ist entweder Untergrund-Authentizität oder eine Grenze meines Zugriffs. Relevanter als die Biografien ist ohnehin die Booking-Logik: Eine Debüt-Veranstaltung, die bewusst auf erkennbare Namen verzichtet, setzt darauf, dass das Konzept trägt, nicht das Line-up. Das ist ein Risiko, das eine Aussage macht.

Dieses Risiko passt zu einer Entwicklung, die sich seit einigen Jahren abzeichnet: die Rückkehr zum bewusst Kleinen, Unverorteten, Schwer-Auffindbaren als Reaktion auf die Durchökonomisierung der Nacht. Berghain hat seinen regulären Clubbetrieb seit 2024 deutlich zurückgefahren und verstärkt auf Kunstausstellungen gesetzt Ob es nun eine vollständige Transformation war oder eine graduelle Verschiebung — die symbolische Wirkung ist dieselbe: Der größte Referenzpunkt der Berliner Clubkultur hat sich neu definiert. Die Antwort darauf kommt nicht als neuer Mega-Club mit Investorenkapital, sondern als Proliferation kleiner Formate, die sich bewusst der Sichtbarkeit entziehen.

Dreißig Dollar Eintritt sind nicht wenig für eine Debütveranstaltung ohne etablierte Namen. Der Preis sagt: Das hier ist kein Hobby, kein loses Zusammenkommen mit Klingelbeutel am Eingang. Er sagt auch: Wir wollen, dass ihr investiert seid, bevor ihr durch die Tür kommt. Ob er gleichzeitig sagt, dass die Tür nicht für alle gleich breit ist, wird Cloaca mit der Zeit beantworten müssen. Ein queerer Raum, der sich über den Preis definiert, muss diese Spannung aushalten — oder sie wird ihn definieren.

Die Biologie kennt die Kloake als evolutionär ältere Lösung — ein System, das funktioniert, bevor die Spezialisierung einsetzt. Säugetiere haben sie größtenteils aufgegeben, zugunsten separater Ausgänge für separate Funktionen. Effizienter, sauberer, kontrollierbarer. Dass eine queere Rave-Reihe sich ausgerechnet nach diesem vor-differenzierten Zustand benennt, ist mehr als ein anatomischer Witz. Es ist eine Aussage über das Verhältnis von Ordnung und Unordnung, von Kategorisierung und deren Verweigerung. Die Kloake als politische Utopie: ein Körper, der sich weigert, seine Funktionen zu trennen, weil die Trennung selbst eine Form der Kontrolle ist. Ob sich das als tragfähige These oder als hübsche Metapher erweist, die beim ersten Bassdrop in ihre Bestandteile zerfällt — das entscheidet der 18. April.