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350 Schriften suchen einen Raum

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350 Abschlussarbeiten aus einem Jahrzehnt internationaler Type-Design-Masterstudiengänge ziehen ins Kulturforum ein — und verwandeln eine akademische Leistungsschau in eine begehbare Genealogie der Frage, wie sich Buchstabenformen seit 2016 verändert haben.

Eine Schrift ist, bevor sie gelesen wird, zunächst eine Entscheidung. Eine Linie, die irgendwann aufhört, gerade zu sein. Ein Winkel, der sich für oder gegen eine Serife entscheidet. Ein Gewicht, das zwischen Flüstern und Schreien wählt. Was passiert, wenn man 350 solcher Entscheidungssysteme — jedes einzelne das Ergebnis monatelanger Arbeit — in einen einzigen Raum packt?

Ende April verwandelt sich das Kulturforum für zwei Tage in genau dieses Experiment. Mastering Type, eine Ausstellungsreihe, die seit 2016 Abschlussarbeiten internationaler Type-Design-Masterstudiengänge präsentiert, feiert ihre zehnte Ausgabe. Die Jubiläumsedition ist gleichzeitig eine Bestandsaufnahme: Rund 350 neue Schriften aus einem Jahrzehnt, verteilt auf Einzelplakate im Format 60 x 124 cm, ergänzt durch Process Books, die Konzeption und Gestaltungsprozess offenlegen. Der Ausstellungsraum soll zum begehbaren, dreidimensionalen typografischen Raum werden. Am 25. April folgen Lectures und Workshops.

Hinter der Reihe steht Lucas de Groot, niederländischer Schriftgestalter, Gründer von LucasFonts und Lehrender an der Fachhochschule Potsdam, gemeinsam mit dem Typostammtisch Berlin — einem monatlichen Treffen der Berliner Type-Design-Szene, das seit Jahren als informeller Knotenpunkt funktioniert, an dem sich Studierende, Praktikerinnen und Nerds begegnen. Der Typostammtisch ist kein glamouröses Branchenevent, sondern eher das, was passiert, wenn Leute, die sich wirklich für Buchstabenformen interessieren, regelmäßig in denselben Raum gehen. Dass aus diesem Netzwerk eine Ausstellungsreihe geworden ist, die jetzt im Kulturforum landet, ist bemerkenswert — und kein Zufall.

Die bisherigen Ausgaben fanden an überschaubareren Orten statt: in Studios, Hochschulräumen, in den Ecken, die der Berliner Designszene vertraut sind. Die Programme, deren Arbeiten gezeigt werden, umfassen unter anderem TypeMedia in Den Haag, die Studiengänge in Reading, Lausanne, Nancy und Amiens — über die Jahre sind weitere Standorte hinzugekommen. Die Wanderung ins Kulturforum — als Sonderausstellung der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin — markiert einen Sprung in eine andere Öffentlichkeit. Type Design, eine Disziplin, die normalerweise in den Nischen zwischen Grafikdesign-Konferenzen und Fachforen existiert, bekommt hier institutionelle Rahmung.

Das Kulturforum selbst ist ein Ort, der Widersprüche ausstrahlt wie kaum ein anderer in Berlin. Das Gelände lag nach massiven Planungseingriffen der NS-Zeit und der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs brach. Ein neues Kulturzentrum sollte hier entstehen — dann kam der Mauerbau, und das Kulturforum, in unmittelbarer Nähe zur Grenze gelegen, wurde zum Prestigeprojekt West-Berlins: ein architektonisches Statement gegen die DDR, ein Signal an die Bundesrepublik. Die Neue Nationalgalerie, die Staatsbibliothek, die Philharmonie, die Gemäldegalerie — jedes Gebäude erzählt von einem anderen Moment deutscher Kulturpolitik, und keines passt so richtig zum nächsten. Diese architektonische Zerrissenheit ist Spiegel der Brüche des 20. Jahrhunderts. Dass eine Ausstellung über Schriftgestaltung — über die bewusste Herstellung visueller Kohärenz — ausgerechnet an diesem Ort stattfindet, hat eine Ironie, die vermutlich niemand geplant hat.

350 Plakate in einem Raum sind kein stilles Betrachten einzelner Arbeiten, sondern ein Zustand der Überlagerung. Jede Schrift auf ihrem Poster konkurriert mit der nächsten um Aufmerksamkeit, und genau darin liegt der Reiz. Type Design lässt sich schlecht in Isolation beurteilen — eine Schrift zeigt ihren Charakter erst im Vergleich, in der Abgrenzung, im Nebeneinander. Die begleitenden Process Books versprechen etwas, das in Designausstellungen oft fehlt: den Blick auf die Arbeit, nicht nur auf das Ergebnis. Skizzen, Entscheidungsbäume, verworfene Varianten. Die Frage, warum der Bogen einer Minuskel genau so und nicht anders verläuft. Ob die Process Books tatsächlich tiefe Einblicke liefern oder eher standardisierte Dokumentation bleiben, lässt sich vorab nicht beurteilen — die Qualität solcher Materialien schwankt erfahrungsgemäß stark zwischen den Studiengängen. Die Lectures und Workshops am 25. April ergänzen die Ausstellung um eine diskursive Ebene — Alumni-Präsentationen, bei denen Absolventinnen ihre Projekte vorstellen, die Art von Talks, die für Fachpublikum Gold wert und für alle anderen zumindest lehrreich sind.

Die interessantere Frage ist, was Mastering Type über den Zustand des Type Designs insgesamt erzählt. Die Masterstudiengänge, deren Arbeiten hier versammelt werden — TypeMedia in Den Haag, die Programme in Reading, Lausanne, Nancy, Amiens, Buenos Aires, Prag — sind die Kaderschmieden einer Disziplin, die in den letzten zehn Jahren eine stille Transformation durchlaufen hat. Variable Fonts haben die Vorstellung aufgelöst, dass eine Schrift ein festes Ding ist — eine Masterarbeit heute kann ein ganzes Spektrum von Gewichten und Breiten als kontinuierlichen Raum entwerfen, nicht als Serie diskreter Schnitte. Dazu das Aufbrechen lateinzentrischer Gestaltungstraditionen, die wachsende Auseinandersetzung mit arabischen, indischen, ostasiatischen Schriftsystemen, die Spannung zwischen algorithmischer Generierung und handwerklicher Kontrolle. All das schlägt sich in Abschlussarbeiten nieder, bevor es in der Branche ankommt. Eine Dekade dieser Arbeiten an einem Ort zu versammeln heißt, eine Genealogie der Ideen sichtbar zu machen: Welche Fragen haben sich verschoben? Welche ästhetischen Positionen sind aufgetaucht, welche verschwunden?

Dass diese Genealogie ausgerechnet in Berlin zusammenläuft, ist nicht selbstverständlich, aber auch nicht überraschend. Die Stadt hat sich — leiser als Amsterdam oder London, aber beharrlich — zu einem Zentrum für Schriftgestaltung entwickelt. Studios wie LucasFonts, Dinamo oder zahlreiche kleinere Foundries haben hier ihren Sitz, der Typostammtisch funktioniert als regelmäßiger Treffpunkt, und die Nähe zur FH Potsdam und zur UdK schafft ein Ökosystem. Type Design ist eine der wenigen Designdisziplinen, in denen Berlin nicht primär als Party, sondern als Arbeitsort funktioniert.

Der naheliegende Einwand: 350 Schriften auf Plakaten, so sorgfältig kuratiert sie sein mögen, bleiben eine akademische Leistungsschau. Die Distanz zwischen einer Masterarbeit in Schriftgestaltung und der Welt, die diese Schriften irgendwann liest, benutzt, übersieht, ist enorm. Aber genau hier liegt der Wert einer Ausstellung, die sich zwei Tage nimmt, um diese Distanz zumindest teilweise zu schließen. Wer durch diesen Raum geht, sieht nicht fertige Produkte, sondern den Moment, in dem eine Idee Form annimmt — buchstäblich. Den Moment, in dem jemand entscheidet, dass ein Strich so endet und nicht anders, und damit die Art verändert, wie ein Wort aussieht, das Millionen Menschen lesen werden, ohne je darüber nachzudenken.

Es gibt diesen abgenutzten Satz, dass die beste Typografie unsichtbar sei. Mastering Type macht für zwei Tage das Gegenteil: Es zwingt die Schrift, sichtbar zu werden — als Entscheidung, als Handwerk, als Haltung.