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enderu

Eine Boutique gegen das Verschwinden

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Zwei Künstlerinnen eröffnen im Studio Я eine fiktive Boutique für Überlebenskleidung — und legen damit offen, dass der Schutz des eigenen Körpers in Mexiko längst privatisiert ist.

130.000 Menschen. Das ist keine abstrakte Zahl. Das sind 130.000 Löcher in Familien, in Gemeinden, in der Geografie eines Landes. In Mexiko verschwinden Menschen — nicht metaphorisch, nicht als Figur in einem Roman, sondern physisch, vollständig, ohne Spur. Und zwei Künstlerinnen haben daraus etwas gebaut, das gleichzeitig absurd und tödlich ernst ist: eine Boutique.

Am 23. April verwandeln Laura Uribe und Sabina Aldana das Studio Я des Maxim Gorki Theater in den Showroom von Backyard, einem fiktiven Laden für „Global South Survival Gear". Die Lecture-Performance ist die jüngste Arbeit eines Projekts, das die beiden Künstlerinnen über mehrere Jahre hinweg entwickelt haben. [~Die Zahl von über 130.000 Verschwundenen in Mexiko wird breit zitiert, u.a. vom Gorki selbst — die genauen Zahlen variieren je nach Quelle und Zählweise, bewegen sich aber in dieser Größenordnung~]. Das Tempo der Eskalation — innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl vervielfacht — ist das eigentliche Thema.

Die zentrale Geste von Backyard ist eine Provokation durch Fiktion. Ein Laden, der Kleidung verkauft, die vor dem Verschwindenlassen schützen soll. Damenunterwäsche gegen Gewalt. Multifunktionale Designerkleidung für das Überleben in Regionen, in denen der Staat das Monopol auf Sicherheit längst verloren oder bewusst aufgegeben hat. Die Sprache der Boutique — Eröffnung, Kollektion, Produkt — ist die Sprache des Marktes. Und genau darin liegt die Schärfe: Überleben als Ware gerahmt legt offen, dass der Schutz des eigenen Körpers in weiten Teilen des Globalen Südens bereits privatisiert ist. Die Boutique erfindet nichts. Sie macht sichtbar, was schon Realität ist — nur eben ohne das hübsche Branding.

Backyard arbeitet aus der Nähe heraus. Der Titel ist wörtlich gemeint: der Hinterhof, das Feld, der Boden, der aufgegraben wird. In Mexiko suchen selbstorganisierte Colectivos de Búsqueda — überwiegend Frauen, überwiegend Mütter — in Bergen, Wüstensand und Gestrüpp nach menschlichen Überresten. [~Die Colectivos de Búsqueda sind breit dokumentiert, u.a. in El País, The Guardian und in der akademischen Literatur zu transitional justice in Lateinamerika~]. Die Arbeit, die normalerweise einem funktionierenden Staat obliegt, wird von Familien geleistet, die keine andere Wahl haben. Uribes und Aldanas Projekt bewegt sich in diesem Feld zwischen Dokumentation und Aktivismus. Die Kunst wird zum Werkzeug, das beides zugleich festhält und in Frage stellt. Es geht nicht um Betroffenheitsästhetik. Es geht um die Frage, was Handeln bedeutet, wenn das Ausmaß der Gewalt jede individuelle Handlung zu verschlucken droht.

Das Format der Lecture-Performance ist dabei kein Zufall. [~Laut Gorki-Programmierung war Backyard bereits im Februar 2025 als performative Installation im KIOSK des Gorki zu sehen — unabhängige Rezensionen konnte ich dazu nicht auffinden~]. Die nun angekündigte Lecture greift das Projekt auf und verschiebt es ins Gesprochene. Das Lecture-Format erlaubt etwas, das eine rein visuelle Installation nicht kann: Es zwingt zum Zuhören. Es erzählt Zeitverläufe. Es legt offen, wie sich Jahre der Recherche in einem Land anfühlen, in dem die Zahlen der Verschwundenen schneller steigen als die eigene Arbeit sie verarbeiten kann.

Das Studio Я, die experimentelle Spielstätte des Gorki, ist der richtige Ort dafür — ein Raum, in dem die Grenze zwischen Theater, Performance und aktivistischer Praxis bewusst unscharf gehalten wird. Das Gebäude selbst trägt Schichten: Errichtet 1827 als Singakademie, wurde hier 1829 unter Mendelssohn die Matthäus-Passion wiederaufgeführt; [~ein viel zitiertes Faktum der Berliner Musikgeschichte, nicht aus dem Veranstaltungstext selbst~] später sozialistisches Modelltheater, seit 2013 unter Şermin Langhoff post-migrantische Bühne. In diesem geologisch geschichteten Bau wird nun also eine Boutique eröffnet, die Kleidung gegen das Verschwinden verkauft. Der Globale Süden, physisch präsent in Berlin-Mitte, nicht als Thema einer Podiumsdiskussion, sondern als Ware im Schaufenster.

Was an Backyard irritiert — und irritieren soll — ist die Weigerung, sich für ein Register zu entscheiden. Die Boutique-Metapher könnte in weniger präzisen Händen schnell in zynischen Konzeptkunst-Kitsch kippen: ein weiterer spekulativer Raum, der das Leid des Globalen Südens für europäische Kunstreflexion aufbereitet. Aber dass Uribe und Aldana nicht über das Verschwinden sprechen, sondern aus jahrelanger Arbeit in seinen Zonen heraus — das verschiebt den Blick. Die Fiktion ist keine Flucht vor der Realität. Sie ist eine Strategie, die Realität überhaupt darstellbar zu machen. Denn Enforced Disappearance — das gewaltsame Verschwindenlassen — ist ein Verbrechen, das auf Unsichtbarkeit zielt. Es gibt keinen Körper, keinen Tatort, keine Anklage. Der Mensch hört einfach auf, in den Registern der Welt zu existieren. Dagegen anzuarbeiten heißt, Sichtbarkeit zu erzwingen.

Dass Kunst gegen 130.000 Verschwundene nichts ausrichten kann, wissen Uribe und Aldana vermutlich besser als ihr Publikum. Ihre Arbeit stellt diese Frage nicht, um sie zu beantworten. Sie stellt sie, um die Frage selbst nicht verschwinden zu lassen.