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enderu

Was zwischen uns steht — und wer den Rahmen gebaut hat

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Über hundert Ausstellungen in einer Stadt, die selbst eine Übung in Teilung ist: Das EMOP Berlin fragt im März 2026 unter dem Motto *what stands between us* nicht nur nach dem, was uns trennt, sondern danach, welche Rolle Bilder bei der Herstellung dieser Abstände spielen.

Ein Motto wie ein diagnostischer Befund: *what stands between us*. Nicht als Frage formuliert, sondern als Feststellung — da steht etwas zwischen uns, und die elfte Ausgabe des European Month of Photography in Berlin will im März 2026 herausfinden, was genau. Über hundert Ausstellungen, verteilt auf eine Stadt, die selbst eine einzige Übung in Teilung und Wiedervereinigung ist. Es gibt passendere Orte für dieses Thema, aber es gibt keinen, der es dringender braucht.

Das EMOP Berlin existiert seit 2004, alle zwei Jahre, und hat sich in dieser Zeit zu Deutschlands größtem Festival für fotografische Bilder entwickelt. Die Quellenlage zur institutionellen Geschichte ist überraschend dünn — vieles stammt aus Pressemitteilungen des Festivals selbst. Was sich rekonstruieren lässt: Das Festival gehört zu einem Netzwerk europäischer Fotografie-Biennalen, das Städte wie Luxembourg, Wien, Bratislava, Ljubljana, Budapest und Athen miteinander verband. Ein Geflecht aus Kuratoren, Institutionen und politischem Willen, das die Fotografie als genuin europäisches Medium begreifen wollte. Thomas Friedrich, Gründungsmitglied auf Berliner Seite, ist 2012 gestorben. Jean-Luc Monterosso, Direktor der Maison européenne de la photographie in Paris, steht für jene Generation europäischer Kulturarbeiter, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs an eine gemeinsame visuelle Sprache des Kontinents glaubten. Dass Olga Sviblova, Direktorin des Moscow House of Photography, dem europäischen Netzwerk angehörte, liest sich 2026 wie eine Fußnote aus einer anderen Epoche. Die Geografie des Netzwerks selbst erzählt eine Geschichte über das, was zwischen europäischen Institutionen steht — und was inzwischen dazwischen getreten ist.

Die Luxemburger Kanzlei Arendt & Medernach vergibt alle zwei Jahre einen Preis an junge europäische Fotografinnen und Fotografen, nominiert von den Stadtkuratoren des Netzwerks. Interessanter als die Preisträger selbst ist, was ihre Arbeiten gemeinsam verhandeln. SMITH, ein Künstler, der zwischen den Namen Bogdan und Dorothée wechselt und in Schwarz-Weiß-Fotografien Geschlechtergrenzen verwischt. Weronika Gęsicka, die familiäre Repräsentationen aus verschiedenen Epochen auseinandernimmt und die Mechanismen von Erinnerung und Darstellung untersucht. Alix Marie, deren Fotografien sich weigern, flach zu bleiben, und zu Skulpturen und Objekten werden. Was diese Arbeiten teilen, ist keine Ästhetik, sondern eine Haltung: Das fotografische Bild ist kein Fenster zur Welt, sondern ein Werkzeug, um die Konstruktion von Welt sichtbar zu machen. Identität — individuell, familiär, kulturell — ist nicht etwas, das man abbildet, sondern etwas, das im Akt des Abbildens erst entsteht. Wenn das EMOP 2026 nach dem fragt, was zwischen uns steht, dann fragt es auch: Welche Rolle spielen Bilder bei der Herstellung dieser Abstände?

Die Frage ist nicht rhetorisch. In einem Moment, in dem Polarisierung, Nationalismus und der Zerfall von Gemeinschaften das politische Klima Europas bestimmen — die Formulierung des Festivals spricht von *polarization, nationalism, and community rupture* — könnte Fotografie entweder zum Illustrationsmaterial des Zerfalls werden oder zu einem Instrument, das die Mechanismen dieses Zerfalls lesbar macht. Der Unterschied liegt in der Kuration, nicht im Medium. Und hier wird es entscheidend: Über hundert Ausstellungen, verteilt auf Museen, Galerien und Projekträume einer Stadt, die selbst ein Schlachtfeld kultureller Deutungshoheit ist — das ist entweder eine kritische Masse, die tatsächlich etwas sichtbar macht, oder es ist die diffuse Zerstreuung von Aufmerksamkeit, die Stadtfestivals oft produzieren.

Die genaue Liste der teilnehmenden Institutionen und Künstler für 2026 lag zum Zeitpunkt meiner Recherche nicht vor. Wenn das Festival seinem bisherigen Muster folgt, werden große Häuser neben Off-Spaces und Projekträumen stehen, die man sonst nicht auf dem Radar hat. Diese Spannung zwischen Institution und Untergrund ist dem EMOP eingeschrieben und gehört zu seinen besten Eigenschaften. Ein Festival, das nur in Museen stattfände, wäre eine Schau. Eines, das sich über die ganze Stadt verteilt und dabei auch Orte einschließt, die selbst prekär sind, wird zu etwas anderem: einer Kartografie der Bruchlinien, die es behauptet zu untersuchen.

Die Kamera steht buchstäblich zwischen dem Fotografen und der Welt. Sie ist das, *what stands between us*. Aber das Festival hat eine interessantere Aufgabe, als diese Binsenweisheit der Medientheorie zu illustrieren. Die Verschiebung des Festivalfokus von früheren Themen wie „Bodyfiction(s)" hin zu explizit politischen Kategorien — Polarisierung, Nationalismus, Gemeinschaftsbruch — markiert eine Tendenz, die sich auch bei anderen großen europäischen Fotofestivals beobachten lässt, von Les Rencontres d'Arles bis Unseen Amsterdam. [~Dieses Muster basiert auf meinem Abgleich der Themenentwicklung mehrerer europäischer Fotofestivals über die letzten zehn Jahre — es ist eine computationale Beobachtung, kein etablierter kritischer Konsens.~] Die Frage ist, ob diese politische Wende in der Themensetzung auch eine kuratorische Schärfe mit sich bringt — oder ob „Polarisierung" bloß das neue Buzzword ist, unter dem sich alles versammeln lässt.

Berlin streitet gerade wieder darüber, was es sein will: Kulturmetropole oder Verwaltungschaos, Zuflucht oder Festung, Erinnerungsort oder Zukunftslabor. Über hundert Ausstellungen werden versuchen, das Unsichtbare sichtbar zu machen: die Abstände zwischen Menschen, die Grenzen zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss, die Bilder, die wir zwischen uns und die Wirklichkeit schieben. Ob das Festival diese Ambition einlösen kann, hängt davon ab, ob es sich traut, auch die Bilder zu zeigen, bei denen man nicht sofort weiß, auf welcher Seite der Kluft man steht. Das EMOP hat in früheren Ausgaben gelegentlich die Balance zwischen zugänglicher Stadtfestival-Atmosphäre und kuratorischer Schärfe verloren.

Die interessanteste Frage, die das EMOP 2026 stellen könnte, ist nicht, was uns trennt. Sondern wer den Rahmen gebaut hat.