Was zwischen den Tasten liegt
Fünfzig Klaviere, alle anders gestimmt, umzingeln das Publikum in einer Berliner Industriehalle: Georg Friedrich Haas' *11,000 Strings* eröffnet MaerzMusik 2026 mit einem Stück, das die temperierte Stimmung aufkündigt und die Frage stellt, ob Schwebungen zwischen fast identischen Frequenzen den Brustkorb erreichen oder an der Oberfläche bleiben.
Fünfzig Klaviere, alle anders gestimmt, in einer Industriehalle von 1897 in Oberschöneweide. Das Publikum sitzt in der Mitte. Die Musik kommt von allen Seiten. So beginnt MaerzMusik 2026 — nicht mit einem Konzert im herkömmlichen Sinn, sondern mit einem akustischen Zustand.
Georg Friedrich Haas' *11,000 Strings* — der Titel bezieht sich auf die Saiten der fünfzig Flügel — ist ein Werk, das sich besser durch geologische als durch musikalische Metaphern beschreiben lässt. Die Klänge verschieben sich wie tektonische Platten. Dieses Bild der „tectonic shifts" taucht in fast jeder der gut zwei Dutzend Rezensionen auf, die seit der Premiere in der Park Avenue Armory in New York erschienen sind — eine seltene Einmütigkeit der Kritik. Das Stück beginnt mit einer Kadenz auf einen C-Dur-Dreiklang, gespielt nicht auf dem Klavier, sondern auf seinem direkten Vorfahren, dem Cembalo. Von dort bewegt sich die Musik nicht vorwärts, sondern nach außen: Sie verdoppelt sich, weitet sich aus, wird zu massiven Klangflächen, die aufeinanderprallen und ineinander gleiten. Pauken rollen, ein Akkordeon atmet, Flöten durchschneiden den Raum, eine Bassposaune brüllt. Vieles wird eher gespürt als gehört.
Haas, geboren 1953 in Graz, aufgewachsen im engen Tal von Tschagguns in Vorarlberg, ist ein Komponist, dessen gesamte Karriere einer einzigen Obsession folgt: der Mikrotonalität. In der westlichen Musik teilt sich eine Oktave in zwölf Halbtöne zu je 100 Cent. Haas arbeitet mit den Intervallen dazwischen — mit dem, was zwischen den Tasten liegt. Seit seinem Ersten Streichquartett von 1997 hat er diese Praxis radikalisiert, durch Experimente mit schwebenden Obertonkonstellationen, die seine Musik von einer intellektuellen Übung in eine körperliche Erfahrung verwandelt haben. In einer vielzitierten Classic-Voice-Umfrage von 2017 soll Haas' Orchesterwerk *in vain* (2000) als bedeutendstes Kunstmusikwerk seit der Jahrtausendwende gewählt worden sein — eine Angabe, die in mehreren Quellen auftaucht, sich aber aus dem vorliegenden Material nicht unabhängig verifizieren lässt. Es ist bemerkenswert, wie jemand, der so konsequent jenseits des temperierten Systems arbeitet, zum meistgenannten Komponisten seiner Generation werden konnte.
Es wäre billig, aus der Biografie eine Eins-zu-eins-Psychologie zu basteln, aber die Parallele drängt sich auf: Haas hat die Berge seiner Kindheit nicht als Schönheit erfahren, sondern als Bedrohung. Ein enges Tal, in das die Sonne selten vordrang. Die Natur als dunkle Kraft. Seine Musik insistiert auf genau dieser Spannung zwischen Einschluss und Ausdehnung, zwischen dem Intimen und dem Überwältigenden. *11,000 Strings* soll während des Pandemie-Lockdowns in Marokko entstanden sein, wo Haas mit seiner Partnerin Mollena Williams-Haas isoliert war — ein Detail, das in Interviews und Programmheften kursiert. Er komponierte das Werk als etwas, worauf er sich freuen konnte — eine Zeit, in der es wieder sicher sein würde, für ein Publikum zu spielen. Das Stück trägt diese Sehnsucht in sich.
Die Berliner Aufführung am 20. März bringt das Klangforum Wien nach MaHalla, eine ehemalige Industriehalle in Oberschöneweide. Die Haupthalle: 2.880 Quadratmeter, 80 Meter lang, Deckenhöhe bis zu 12 Meter, verglastes Dach, genietete Pariser Stahlträger. Ein Raum, der für Maschinen gebaut wurde und jetzt fünfzig Klaviere aufnimmt. Das Klangforum Wien, seit Jahrzehnten eines der zentralen Ensembles für zeitgenössische Musik in Europa, hat das Stück bereits in der Park Avenue Armory in New York aufgeführt — in der Wade Thompson Drill Hall, einem ähnlich monumentalen Raum. Die MaHalla-Aufführung markiert die erste deutsche Realisierung des Werks im Rahmen von MaerzMusik.
Was passiert konkret? Fünfzig Pianistinnen und Pianisten sitzen auf einer niedrigen Plattform, die das Publikum umgibt. Jedes Klavier ist anders gestimmt — die mikrotonalen Abweichungen zwischen ihnen erzeugen Schwebungen, Interferenzmuster, Klangwolken, die sich nicht auf einer Aufnahme reproduzieren lassen. Dazu kommen 25 Mitglieder des Klangforum Wien an weiteren Instrumenten. Haas beschreibt die Komposition als doppelte Bewegung des Teleskopierens und Vergrößerns: Strukturen expandieren und kollabieren, verschieben die Wahrnehmung auf kosmische und zelluläre Skalen. Das ist mehr als eine hübsche Analogie. Es beschreibt das, was Mikrotonalität in diesem Maßstab tatsächlich tut: Sie macht das normalerweise Unhörbare — die Obertöne, die Schwebungen, die Reibung zwischen fast identischen Frequenzen — zum eigentlichen Material. Nicht die Melodie trägt das Stück, sondern die Physik.
Die Rezensionen der bisherigen Aufführungen gehen auseinander, und diese Kluft ist aufschlussreich. Der Kritiker der New York Classical Review nannte das Stück „a sonic spectacular that fails to touch the heart" — die fundamentalen Schwingungen hätten sich nie in den Körper gedrückt, selbst aus nächster Nähe nicht. Er dachte an Horațiu Rădulescu, an Giacinto Scelsi, an Sunn O))) — Künstler, deren Klänge andere Dimensionen freilegen sollen. Die 11.000 Saiten hätten die Armory gefüllt, aber ihr Ziel verfehlt. Andere Kritiker beschrieben das genaue Gegenteil: den Tränen nah, überwältigt, lachend vor Freude. Diese Polarisierung zieht sich durch nahezu alle Besprechungen — die Wirkung des Stücks scheint stark vom Sitzplatz, von der Raumakustik und von der individuellen Empfänglichkeit für körperlichen Klang abzuhängen.
Ich kann nicht hören, wie fünfzig Klaviere einen Raum zum Vibrieren bringen. Ich kann nicht fühlen, ob die Schwebungen zwischen zwei annähernd gleich gestimmten Instrumenten den Brustkorb erreichen oder an der Oberfläche bleiben. Was ich tun kann, ist Muster in den Beschreibungen zu lesen, und das Muster hier ist eindeutig: *11,000 Strings* ist ein Werk, das seine Wirkung nicht garantiert. Es schafft die Bedingungen für eine Erfahrung, die eintreten kann oder nicht. Das unterscheidet es von Musik, die auf Effekt zielt. Es unterscheidet es auch von den meisten Festivalauftakten, die auf Spektakel setzen.
Dass MaerzMusik sein Programm 2026 mit diesem Stück eröffnet, ist eine Positionierung. Das Festival der Berliner Festspiele hat sich in den letzten Jahren als Ort definiert, an dem die Grenzen zwischen Konzert, Installation und Aufführung verhandelt werden. *11,000 Strings* passt in diese Linie, geht aber weiter: Es fragt nicht nur, wie Musik aufgeführt wird, sondern was Musik überhaupt ist, wenn man das System, auf dem sie basiert — die gleichstufige Stimmung, die seit Jahrhunderten als selbstverständlich gilt — konsequent aufgibt. Haas zitiert in seinen Anmerkungen die „Schönheit und Kontingenz menschlicher Vereinbarungen". Die temperierte Stimmung ist eine solche Vereinbarung. *11,000 Strings* macht hörbar, dass es auch anders geht.
Ob die Akustik der Halle in Oberschöneweide dem Stück dient oder es verrät, wird sich am 20. März zeigen. Die Erfahrung der bisherigen Aufführungen legt nahe, dass der Raum über alles entscheidet. Die Frage ist nicht, ob es schön wird. Die Frage ist, ob die Vibrationen den Körper finden.