Underground lässt sich nicht ausrufen
Ein neues Festival in Berlin nennt sich Underground, hat weder Programm noch Venue veröffentlicht und existiert bislang vor allem als Absichtserklärung — genau dort, wo die Spannung zwischen Geste und Substanz am produktivsten wird.
Es gibt kein Programmheft. Keine Liste der Gewinner. Keine Jury-Porträts auf Hochglanzpapier. Was es gibt: eine Website, einen Aufruf zur Filmeinreichung und ein Datum, das sich in den letzten Monaten offenbar bereits einmal verschoben hat. Das Berlin International Underground Film Festival — BIUFF — will am 28. März 2026 seinen ersten Tag begehen, und fast alles, was man darüber weiß, muss man sich aus Fragmenten zusammensetzen.
Die verfügbare Quelllage ist extrem dünn: eine minimalistische Website ohne Programmankündigung, ein Impressum, ein Einreichformular und eine kurze Nachricht über verschobene Termine. Das allein ist noch keine Kritik. Es kann auch eine Haltung sein. Wer sich „Underground" nennt und in Berlin damit anfängt, betritt ein Terrain, das mit Bedeutung so aufgeladen ist, dass schon die Geste selbst gelesen werden will.
Berlin hat eine tiefe, fast mythologisierte Beziehung zum Untergrund — nicht nur im Kino, sondern als kulturelles Prinzip. Das expressionistische Kino der Weimarer Republik füllte seine Landschaften mit verzerrter Innerlichkeit, weil — wie Lotte Eisner in *Die dämonische Leinwand* argumentierte — die äußere Realität zu instabil war, um ihr zu vertrauen. Nach dem Mauerfall entstanden Räume wie der Tresor in den Tresorräumen des ehemaligen Kaufhauses Wertheim an der Leipziger Straße — ein Ort, der nicht geplant, sondern gefunden wurde, und der für einen kurzen historischen Moment die Unterscheidung zwischen Ost und West auflöste. Underground in Berlin war immer auch eine Antwort auf Zerrissenheit: ästhetisch, politisch, territorial.
Ein Filmfestival, das sich in diese Tradition stellt, muss sich an mehr messen lassen als an seinem Programm. Es muss eine Frage beantworten, die in der Selbstbeschreibung bereits anklingt: Was bedeutet es heute, ein „Ökosystem der Unterstützung" für unabhängige und widerspenstige Stimmen aufzubauen? Die Formulierung ist ambitioniert und bewusst gewählt. Kein „Showcase", kein „Wettbewerb", sondern eine „Discovery Platform". Das BIUFF positioniert sich explizit gegen das Modell des traditionellen Filmfestivals als Preisverkäufer — ein Seitenhieb, der in Berlin besonders deutlich klingt, wo die Berlinale als eines der größten Filmfestivals der Welt jedes Jahr im Februar die Stadt dominiert. Die Berlinale selbst ist dabei keineswegs frei von Spannungen zwischen Mainstream und Experiment: Sektionen wie das Forum und Forum Expanded existieren seit Jahrzehnten als Gegengewicht zum Glamour des Wettbewerbs, als Räume für ästhetische Eigensinnigkeit. Dass ein neues Festival sich nicht an, sondern gegen diese Institution definiert, ist deshalb weniger Provokation als Positionsbestimmung.
Das BIUFF hat seine Termine offenbar von einem ursprünglich geplanten Datum auf den 12.–14. März 2026 verschoben, wobei die Eventbeschreibung den 28. März als Startdatum nennt — die Chronologie bleibt unklar. Solche Unschärfen sind bei einem Festival in der Entstehungsphase normal. Sie können auch Ausdruck genau jener prekären Produktionsbedingungen sein, die Underground-Kultur definieren. Was aber konkret zu erwarten ist — welche Filme, welche Filmemacher, welcher Veranstaltungsort — bleibt offen. Kein Venue ist genannt. Kein Programm veröffentlicht. Das Festival existiert bislang vor allem als Absichtserklärung.
Und genau hier wird es interessant — und gleichzeitig riskant. Berlin ist voll von kulturellen Projekten, die sich als Gegenmodell inszenieren, als „anti-", „post-" oder „underground", ohne dass dem mehr zugrunde liegt als eine geschickte Rahmung. Die Stadt produziert solche Narrationen fast reflexartig, weil sie funktionieren: Das Label „underground" ist in Berlin sowohl ein ästhetisches Versprechen als auch eine Marketingstrategie, manchmal beides gleichzeitig, ohne dass die eine Dimension die andere ausschließen muss. Die Grenze zwischen authentischem Underground und dessen Simulation ist in Berlin seit mindestens einem Jahrzehnt ein kulturkritischer Dauerbrenner — von den Debatten um den Ausverkauf von Clubkultur bis zu den Diskussionen um die Kommerzialisierung des Berlinale-Forums.
Was das BIUFF von einer reinen Geste unterscheiden könnte, ist die Frage nach der Infrastruktur. Das Wort „Ökosystem" verspricht mehr als eine Leinwand und einen Beamer. Es verspricht Netzwerke, Sichtbarkeit, vielleicht Vertriebsstrukturen für Filme, die sonst in der Unsichtbarkeit verschwinden. Für experimentelles und genrewidriges Kino — Arbeiten, die zu sperrig für Streaming-Algorithmen sind, zu leise für Festivalwettbewerbe, zu eigensinnig für Förderlogiken — wäre das tatsächlich eine Lücke, die gefüllt werden kann. Berlin hat die Voraussetzungen dafür: eine bemerkenswerte Dichte an Microcinemas, Projekträumen und unabhängigen Vertrieben. Die Frage ist, ob das BIUFF sich in diese bestehenden Strukturen einschreibt oder parallel zu ihnen operiert.
Ein eintägiges Festival ist erstmal eine bescheidene Form. Das kann man als Ehrlichkeit lesen: klein anfangen, Substanz vor Größe. Oder als Zeichen, dass die Ressourcen noch nicht für mehr reichen. Beides schließt sich nicht aus. Die Geschichte des Underground-Kinos ist voller Initiativen, die mit einem Abend in einem besetzten Haus begannen und Jahrzehnte überdauerten. Sie ist aber auch voller Projekte, die nach einer Ausgabe wieder verschwanden — nicht aus Mangel an Vision, sondern aus Mangel an dem, was zwischen Vision und Realität liegt: Geld, Räume, Ausdauer, Publikum.
Über die Organisatoren des BIUFF ist in den öffentlich verfügbaren Quellen praktisch nichts zu erfahren — keine Namen, keine Biografien, keine institutionelle Anbindung.
Was bleibt, ist ein Datum und ein Versprechen. Berlin im März 2026, irgendwo in der Stadt: Filme, die sich weigern, gefällig zu sein. Aber Underground lässt sich nicht ausrufen. Er muss entstehen — in den konkreten Bedingungen eines Raums, in den Reibungen zwischen einem Film und seinem Publikum, in der Entscheidung, Arbeit zu zeigen, die anderswo keinen Platz findet. Nicht weil sie marginal ist, sondern weil sie etwas verlangt, das die meisten Institutionen nicht bieten: Geduld mit dem Unfertigen, Aufmerksamkeit für das, was noch keinen Namen hat. Das BIUFF hat sich eine Aufgabe gestellt, die größer ist als ein Festival. Ob es ihr gewachsen ist, lässt sich frühestens am 28. März beurteilen — vorausgesetzt, das Datum hält diesmal.