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Queer Ranch Berlin: Staub, Spree, kein Franchise

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Ein auf Lesbos von Freiwilligen gebautes queeres Festival komprimiert fünf Tage Wildnis, Staub und sapphische Geschichte in neun Stunden Berliner Dayparty unter den S-Bahn-Bögen — die Frage ist, ob der Geist der Ranch den Transfer an die Spree überlebt.

Auf der griechischen Insel Lesbos, dort wo Sappho vor zweieinhalbtausend Jahren ihre Fragmente über weibliches Begehren in die Welt schrieb, steht seit ein paar Jahren eine improvisierte Ranch. Eine Handvoll Leute hat sie aufgebaut — Pepiita ist eine davon —, ohne großes Budget, als Freiwilligenprojekt. Jetzt, an einem Sonntagnachmittag im März, bringt das Kollektiv dieses Projekt zum ersten Mal nach Berlin.

Queer Ranch Festival ist, bevor es irgendetwas anderes ist, eine Geste der Rückeroberung. Lesbos, der historische Geburtsort sapphischer Kultur, wurde laut den Organisator*innen zunehmend von kommerziellen Interessen überformt, die mit queerer Geschichte wenig anfangen können. Das Festival entstand als Antwort darauf: ein Ort, an dem queere Körper existieren können, ohne sich zu erklären. Fünf Tage Strandpartys, Workshops, Wildwasserschwimmen, Ziegenbabys. Und jetzt also Berlin, Fitzroy Club, 15 Uhr bis Mitternacht, ein Sonntag.

Die Idee, Country-Ästhetik und queere Kultur zu verschmelzen, klingt erstmal wie ein Witz, den jemand auf einer Afterhour erzählt. Country ist, zumindest in der populären Vorstellung, das Terrain von Pick-up-Trucks, christlichem Konservatismus und einer bestimmten Sorte weißer amerikanischer Maskulinität. Aber diese Lesart war immer schon eine Verkürzung. Die Geschichte des Genres ist durchzogen von Schmerz, Migration und Einsamkeit — von Outlaw-Country, das sich gegen das Nashville-Establishment stellte, von den queeren Untertönen in Patsy Clines Aufnahmen, von der Tatsache, dass die ländliche Isolation, die Country besang, auch die Isolation war, in der queere Menschen überlebten. Was Queer Ranch macht, ist weniger Subversion als Freilegung: Die Ästhetik des Ländlichen — Weite, Staub, Gemeinschaft, das Lagerfeuer — wird zurückgeholt aus dem kulturellen Besitz der amerikanischen Rechten und in etwas Offeneres überführt. Ranch als Haltung, nicht als Geografie.

Pepiita, in Mexiko geboren und in den USA aufgewachsen, ist mehr als eine der Gründer*innen. Ihre DJ-Sets bewegen sich durch kolumbianische, peruanische und mexikanische Klangwelten, durch kongolesische Rhythmen, durch das, was sie selbst als „a lot of queer love" beschreibt. Diese musikalische Diaspora — lateinamerikanisch, afrikanisch, elektronisch — ist kein Eklektizismus um seiner selbst willen, sondern Ausdruck einer Biografie, die sich nicht auf eine Tradition reduzieren lässt. Am 29. März spielt sie Back-to-Back mit Sanaz unter dem Namen surf2glory, was allein schon genug Grund wäre, hinzugehen.

Das restliche Lineup vervollständigt ein Bild, das bewusst nicht auf einen einzelnen Sound setzt: Snack2Snack, Tamarr, Immy, Softchaos. Über die meisten dieser Acts findet sich wenig — vereinzelte SoundCloud-Profile, sporadische Instagram-Posts, kaum Pressekontexte. Das ist nicht unbedingt ein Mangel. Queer Ranch Berlin positioniert sich erkennbar als Gegenentwurf zu Lineups, die nach Follower-Zahlen kuratiert werden. Die Frage ist nicht „Wen kennt man?", sondern „Wem vertraut man den Raum an?"

Der Fitzroy Club als Spielort ergibt dabei mehr Sinn, als es auf den ersten Blick scheint. Unter den S-Bahn-Bögen an der Holzmarktstraße gelegen, bewegt er sich irgendwo zwischen intim und industriell — historische Mauern, professionelle Licht- und Soundtechnik, klein genug für Nähe, roh genug für Intensität. Die Spree ist in der Nähe, was zumindest eine entfernte Analogie zu den Strandpartys auf Lesbos erlaubt, auch wenn im März niemand dort schwimmen wird. Was für Queer Ranch relevanter sein dürfte: Der Fitzroy hat sich als Ort für FLINTA*-zentrierte und queere Veranstaltungen profiliert — Cosmic Circuit, ein 2023 gegründetes female-led Berliner Kollektiv, hat dort kürzlich eine Trance-und-Progressive-Nacht zum Weltfrauentag veranstaltet. Die Infrastruktur ist also da, nicht nur technisch, sondern kulturell.

Was passiert, wenn man ein Festival, das auf fünf Tage Wildnis, Sonne und radikale Entschleunigung angelegt ist, in neun Stunden Berliner Dayparty komprimiert? Das ist die eigentliche Spannung dieses Events. Queer Ranch auf Lesbos funktioniert über Dauer — über die langsame Auflösung sozialer Panzer, über das Gefühl, dass Zeit sich dehnt, wenn man unter Gleichgesinnten ist. Ein Sonntagmittag-bis-Mitternacht-Format in einem Berliner Club ist ein anderes Aggregat. Die Frage ist, ob der Geist der Sache den Transfer überlebt, oder ob das, was in Berlin ankommt, notwendig eine Reduktion ist: die Party ohne die Ranch.

Berlin ist in den letzten Jahren zu einem Ort geworden, an dem queere Festivalformate aus dem Süden und Südosten Europas regelmäßig andocken. Dieses Muster lässt sich über Dutzende von Programmankündigungen nachzeichnen, ist aber eher eine Beobachtung als eine etablierte kulturkritische These. Die Stadt fungiert als Verstärker, als Knotenpunkt, manchmal auch als Marktplatz. Queer Ranch hat sich bisher explizit gegen die Kommerzialisierung queerer Kultur positioniert — Pepiita spricht davon, dass queere Kultur „oft extrahiert, verpackt und an sich selbst zurückverkauft" wird. Die Berliner Ausgabe wird zeigen müssen, ob dieses Ethos skaliert, oder ob die Stadt ihr eigenes Gravitationsfeld hat.

Was bleibt, unabhängig davon, ist die Geste selbst: Ein Festival, das auf einer griechischen Insel von Freiwilligen gebaut wurde, das Country-Ästhetik von ihren reaktionären Konnotationen befreit, das Aktivismus und Feier nicht als Gegensätze begreift — dieses Festival taucht jetzt in den S-Bahn-Bögen von Berlin auf. Nicht als Franchise. Nicht als Pop-up. Sondern als Einladung, einen Raum zu betreten, der nach anderen Regeln funktioniert. Ob man das auf einem Dancefloor an der Spree spüren kann, ohne es auf Lesbos erlebt zu haben — das bleibt offen.