Peter Hujar im Gropius Bau: Was bleibt, wenn das Licht weg ist
Im Gropius Bau treffen Peter Hujars unbestechliche Porträts einer verschwundenen New Yorker Welt auf Liz Deschenes' abstrakte Lichtarbeiten — eine Ausstellung, die nicht fragt, was Fotografie zeigt, sondern was sie auf der Netzhaut hinterlässt, wenn man die Augen längst geschlossen hat.
Ein Foto von David Wojnarowicz, aufgenommen 1981: Eine Hand berührt ein Auge. Die Geste ist so einfach, dass sie fast banal wirkt, und gleichzeitig so aufgeladen, dass man sie nicht mehr loswird. Peter Hujar hat sie festgehalten — präzise und zärtlich zugleich, ohne dass das eine das andere aufhebt. Dieses Bild, *David Wojnarowicz (Hand Touching Eye)*, ist eines von rund 120 Fotografien, die ab dem 18. März im Gropius Bau zu sehen sind. Es ist auch eine Art Programmansage für die gesamte Ausstellung: *Persistence of Vision* — das Nachbild, das bleibt, wenn man die Augen schließt.
Hujar, 1934 in New Jersey geboren, aufgewachsen bei ukrainischen Großeltern, kam mit zwölf Jahren nach New York City. Ein Englischlehrer erkannte sein Talent und ermutigte ihn, die Fotografie zu verfolgen. Er arbeitete sich hoch durch die Dunkelkammern kommerzieller Studios, bevor ein Fulbright-Stipendium ihn 1962 nach Italien brachte. In den Katakomben von Palermo — wohin ihn möglicherweise sein damaliger Partner Paul Thek begleitete — fand er ein Thema, das ihn nie mehr losließ: die Sterblichkeit, die Würde des Verfalls. Danach fotografierte Hujar nur noch, was er selbst sehen wollte. Und was er sah, war das East Village der Sechziger, Siebziger, Achtziger — jene Ära zwischen Stonewall und dem Beginn der AIDS-Krise, die als eine der radikalsten Perioden queerer Sichtbarkeit gilt. Candy Darling auf dem Totenbett. Susan Sontag, rauchend. William S. Burroughs, der in die Kamera starrt, als wäre sie eine Waffe oder ein Spiegel. Tiere, Ruinen, nackte Körper — alles durchzogen von einer Intimität, die nie voyeuristisch wird.
Hujar starb 1987 an den Folgen einer AIDS-Erkrankung. Er war 53. Zu Lebzeiten veröffentlichte er einen einzigen Bildband, *Portraits in Life and Death* (1976), mit einem Vorwort von Sontag. Der kommerzielle Durchbruch blieb aus. Es brauchte Jahrzehnte und die beharrliche Arbeit des Peter Hujar Archive, bis die Kunstwelt einholte, was die Szene immer wusste: dass hier einer der bedeutendsten Porträtisten des 20. Jahrhunderts gearbeitet hatte, unsentimental, unbestechlich, frei.
Dass der Gropius Bau nun keine reine Hujar-Retrospektive zeigt, sondern seine Arbeiten mit denen von Liz Deschenes verschränkt, ist die eigentlich interessante kuratorische Entscheidung. Deschenes, 1966 in Boston geboren, BFA von der Rhode Island School of Design, ist keine Porträtistin. Sie ist das Gegenprogramm: Wo Hujar Gesichter, Hände, die Oberflächen von Haut und Stein abbildet, eliminiert Deschenes das Gegenständliche fast vollständig. Ihre Photogramme entstehen, indem sie Fotopapier nachts im Freien dem Mond- und Kunstlicht aussetzt und die Belichtung chemisch fixiert — silbrige Flächen mit subtilen Tonverschiebungen, die sich durch fortschreitende Oxidation weiter verändern. Ihre Glasskulpturen reflektieren den Raum und den Betrachter, werden Teil der Architektur. In frühen Serien wie *Elevations* und *Green Screen* nähert sie sich Farbe als autonomem Sujet, in neueren Arbeiten verschwindet auch diese zugunsten reiner Materialität.
Was beide verbindet, ist nicht das Motiv, sondern das Medium selbst: Licht, Chemie, Zeit. Hujar in seiner Dunkelkammer im East Village, der jeden Abzug selbst machte, jede Grauabstufung kontrollierte. Deschenes mit ihren Papieren unter freiem Himmel, der Belichtung als Prozess, nicht als Moment. Die Kuratorinnen Eva Respini und Monique Machicao y Priemer Ferrufino haben sich entschieden, die Arbeiten nicht in getrennten Räumen zu präsentieren, sondern Deschenes' Interventionen zwischen Hujars Fotografien zu setzen — als Pausen, als Fragen an das, was man gerade gesehen hat. Wer durch die Ausstellung geht, soll nicht Bild um Bild konsumieren, sondern immer wieder innehalten und darüber nachdenken, was Fotografie eigentlich tut.
Das ist ein Risiko. Hujar hat eine emotionale Unmittelbarkeit, die fast gewaltsam wirkt — man sieht diese Gesichter und ist sofort drin, im Raum, in der Zeit, im Gegenüber. Deschenes' Arbeiten operieren auf einer völlig anderen Frequenz: abstrakt, konzeptuell, langsam. Es wäre leicht, die Skulpturen und Photogramme als akademische Unterbrechung zu empfinden, als kuratorische Pflichtübung in Gegenwartskunst. Aber es könnte auch das Gegenteil passieren: dass Deschenes' Arbeiten den Blick schärfen, die Wahrnehmung verlangsamen, den reflexhaften Konsum von Hujars Bildern unterbrechen und sie dadurch stärker machen. Persistence of Vision ist ja genau das — das Bild, das bleibt, nachdem das Licht weg ist. Die Frage, ob ein Foto auf der Netzhaut haftet oder im Material.
Der Gropius Bau selbst trägt dieses Thema in seinen Wänden. 1881 als Kunstgewerbemuseum eröffnet, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, jahrzehntelang Ruine direkt an der Berliner Mauer, ab den Siebzigern rekonstruiert — mit dem ausdrücklichen Ziel, die Spuren der Zerstörung sichtbar zu lassen. Rekonstruierte Mosaike neben offengelegten Lücken. Ein Gebäude, das seine eigene Vergänglichkeit zeigt, statt sie zu übertünchen. Hujars Bilder von New Yorker Ruinen, seine Obsession mit Verfall und Schönheit, Deschenes' Arbeiten, die sich durch Oxidation weiter verändern — all das findet hier einen Resonanzraum, der nicht inszeniert werden muss.
Rund 120 Fotografien, darunter viele erstmals in Berlin gezeigte Arbeiten, versprechen einen umfassenden Blick auf alle Werkphasen Hujars — von frühen Experimenten der Fünfzigerjahre bis zu den reifen Studioporträts vor seinem Tod. Parallel zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn die Ausstellung *Peter Hujar: Eyes Open in the Dark*, was den Moment einer breiteren institutionellen Neubewertung markieren würde. Dass deutsche Institutionen 2026 Hujar zeigen, ist Zeichen dafür, dass die europäische Museumslandschaft einen Fotografen entdeckt, der in New York längst kanonisch ist, dessen institutionelle Rezeption diesseits des Atlantiks aber vergleichsweise spät einsetzt.
Am Eröffnungsabend ist der Eintritt frei, begleitet von einem DJ-Set — man kann das als nette Geste lesen oder als Einladung, die übliche Galerie-Ehrfurcht kurz abzulegen. In einem Haus, das selbst ein Nachbild ist, treffen Fotografien einer verschwundenen Welt auf Objekte, die sich im Moment des Betrachtens noch verändern. Peter Hujar hat einmal gesagt, er mache unkomplizierte, direkte Fotografien von komplizierten, schwierigen Subjekten. Liz Deschenes macht komplizierte, indirekte Arbeiten über das scheinbar Einfachste: Licht auf einer Oberfläche. Dazwischen liegt kein Widerspruch, sondern ein halbes Jahrhundert Fotografie — und die Frage, ob das Bild im Auge entsteht oder auf dem Papier.