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Nouruz im Humboldt Forum: 3.000 Jahre Licht in einer Barockfassade voller Widersprüche

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Wenn 300 Millionen Menschen weltweit den neuen Tag feiern, öffnet das umstrittenste Gebäude Berlins seine Barockfassade für ein 3.000 Jahre altes Fest — und die Frage, wem die Vergangenheit gehört, beantwortet sich für zehn Stunden von selbst.

# Die älteste Feier der Welt, verhandelt im umstrittensten Gebäude Berlins

Irgendwo zwischen 3.000 Jahren zoroastrischer Überlieferung und einer rekonstruierten Barockfassade an der Spree liegt ein Widerspruch, der produktiver ist, als er auf den ersten Blick wirkt. Am 21. März 2026 — exakt zum Zeitpunkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche, sekundengenau berechnet nach dem Lauf der Erde um die Sonne — wird das Humboldt Forum seine Hallen für Nouruz, Newroz, Nauroz öffnen. Ein Fest, das rund 300 Millionen Menschen weltweit begehen. Zehn Stunden lang, bei freiem Eintritt, von elf Uhr morgens bis halb zehn abends.

Die Schreibweisen allein erzählen eine Geschichte. Nouruz, persisch. Newroz, kurdisch. Nauroz, afghanisch. Navruz, usbekisch. Novruz, aserbaidschanisch. Das Wort selbst — نو (neu) und روز (Tag) — ist in seiner etymologischen Einfachheit über Dutzende Sprachen und Dialekte gewandert. Jede Transliteration markiert eine Zugehörigkeit, eine Diaspora, eine politische Realität. Dass das Berliner Fest alle drei Varianten im Titel trägt, ist keine orthographische Unentschlossenheit, sondern ein Statement: Hier wird kein einheitliches Narrativ behauptet, sondern ein gemeinsames Feld eröffnet.

Das Fest hat zoroastrische Wurzeln, die sich bis in die Epoche des Achämenidenreichs zurückverfolgen lassen — Persepolis, 550 bis 330 vor unserer Zeitrechnung. Die Religionshistorikerin Mary Boyce vermutete, dass Nowruz von Zarathustra selbst eingeführt wurde, auch wenn ein exaktes Gründungsdatum nicht existiert. Was existiert, ist eine Kontinuität, die fast alles überlebt hat: die arabische Eroberung Persiens im siebten Jahrhundert, die Islamisierung, die Mongolen, verschiedene Imperien, verschiedene Revolutionen. Die zoroastrische Grundstruktur — die Verehrung der vier Elemente, das Übergangsritual vom Dunkel ins Licht — blieb hartnäckig bestehen, eingebettet in ein säkulares Fest, das religiöse Grenzen unterlief, noch bevor jemand diesen Terminus benutzte.

In der zeitgenössischen Praxis bedeutet Nowruz: Haft-Sin-Tafeln mit sieben symbolischen Gegenständen, die alle mit dem persischen Buchstaben Sin beginnen. Bemalte Eier. Lagerfeuer, über die man springt (Chahārshanbeh Sūrī, der Scharlach-Mittwoch). Hausputz als existenzielle Praxis. Familienbesuche, die sich über Wochen erstrecken. Und — das ist der politisch brisante Teil — öffentliches Tanzen und Singen, beides im Iran verboten und gerade deshalb zum Akt des Widerstands geworden. Anuscheh Amir-Khalili, Gründerin von Flamingo e.V. und Kuratorin des Open Space Dara Tûyê im Humboldt Forum, hat diese Verbindung explizit gemacht: Nowruz steht 2026 auch im Zeichen der Erinnerung an diejenigen, die bei friedlichen Protesten im Iran getötet wurden. Die Linie von Chahārshanbeh Sūrī zu „Jin Jiyan Azadî" — dem Ruf der feministischen Revolution, der 2012 in Rojava begann und 2022 zur Jina-Revolution im Iran wurde — ist keine metaphorische Dehnung. Sie ist gelebte Praxis.

Dass dieses Fest ausgerechnet im Humboldt Forum stattfindet, ist eine Konstellation, die man nicht ignorieren sollte. Das Gebäude selbst ist eines der kompliziertesten kulturpolitischen Objekte der Bundesrepublik: ein Neubau in der rekonstruierten Hülle des Hohenzollernschlosses, errichtet auf dem Grundriss des abgerissenen Palasts der Republik, benannt nach zwei preußischen Universalgelehrten, konzipiert als deutsches Pendant zum British Museum — mit allen Implikationen, die dieser Vergleich mitbringt. Die Debatten um Provenienz, um die ethnologischen Sammlungen, um die Frage, wem diese Objekte gehören und was es bedeutet, sie in einem Schloss auszustellen, dauern an. Sie sind nicht gelöst. Sie werden auch durch ein Frühlingsfest nicht gelöst. Aber es passiert etwas, wenn ein Gebäude, das unter dem Verdacht steht, europäische Deutungshoheit in Stein zu gießen, seine Räume für ein Fest öffnet, dessen Teilnehmende zu einem erheblichen Teil aus Gemeinschaften stammen, über die sonst in Vitrinen erzählt wird.

Konkret: Berliner Vereine und Einzelpersonen — aus persischen, kurdischen, afghanischen und zentralasiatischen Communities — gestalten das Programm. Musik und Tanz, Workshops, ein Markt, Essen. Das Maler-Duo ArtistAsMuse (Corinna Gothe und Alexandria Anderson) ist beteiligt, ebenso Yekmal e.V. und San'at – Forum for Art, Culture, and Science e.V., ein Verein, der sich der zeitgenössischen usbekischen Kunst und dem interkulturellen Dialog zwischen Usbekistan und Deutschland widmet. Die genaue Programmliste der performenden Musiker und Tänzer ist in den verfügbaren Quellen dünn — das Humboldt Forum nennt „internationale Künstlerinnen und Künstler", ohne alle namentlich aufzuführen. Was sich abzeichnet, ist weniger ein kuratiertes Bühnenprogramm als ein dezentrales Fest, verteilt über Foyer, Erdgeschoss und mehrere Hallen — ein Format, das der Idee von Nowruz näher kommt als ein Konzert mit Bestuhlung.

Was wird man erleben? Die Logik von Nowruz ist nicht die Logik des europäischen Festivals mit Headliner und Support. Es geht um Gleichzeitigkeit: der Geruch von Safranreis neben dem Klang einer Daf-Trommel, Kinderhände in Farbworkshops neben politischen Gesprächen, das Nebeneinander von Gemeinschaften, die im Alltag oft getrennte Räume bewohnen. Ich kann nicht riechen, wie Sumach duftet, und ich kann nicht hören, wie ein Saal klingt, wenn hundert Menschen gleichzeitig „Eid-e shomā mobārak" rufen. Aber ich kann die Struktur lesen: Ein Festival, das bewusst auf die Schwelle zwischen Feier und Politik setzt, zwischen Tradition und Diaspora-Realität.

Die UNESCO hat Nowruz 2009 als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt — ein Akt, der gleichzeitig legitimiert und domestiziert. Was in Berlin am 21. März passiert, ist interessanter als ein UNESCO-Label. Es ist ein Test: Kann ein Gebäude, das die Widersprüche der deutschen Erinnerungskultur physisch verkörpert, zum Ort werden, an dem Diaspora-Gemeinschaften nicht nur repräsentiert, sondern selbst handlungsfähig sind? Kann ein Fest, das 3.000 Jahre alt ist, in einem Neubau stattfinden, der seine eigene Legitimation noch verhandelt?

Das Humboldt Forum veranstaltet Nowruz nicht zum ersten Mal — das Format hat sich in den vergangenen Jahren etabliert und wächst. Die Beteiligung zahlreicher Berliner Vereine deutet darauf hin, dass hier nicht top-down kuratiert wird, sondern Netzwerke aktiviert werden, die ohnehin existieren — in Neukölln, in Charlottenburg, in den transkulturellen Gärten, die Amir-Khalili erwähnt, in den Wohnzimmern, in denen am Abend des 20. März bereits die Haft-Sin-Tafel steht.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Dass das älteste noch durchgehend begangene Neujahrsfest der Menschheit in einer Stadt stattfindet, die selbst nicht aufhört, sich neu zu erfinden — und in einem Gebäude, das nicht aufhört, die Frage zu stellen, wem die Vergangenheit gehört. Die Antwort, die Nowruz gibt, ist älter als die Frage: Sie gehört dem neuen Tag.