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Nesrine im MONOM: Was passiert, wenn eine diasporische Stimme den Raum selbst zum Instrument macht

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Wenn eine Franco-Algerische Cellistin und Sängerin, deren Biografie jede Genreschublade sprengt, auf 48 omnidirektionale Lautsprecher im ehemaligen DDR-Funkhaus trifft, stellt sich nicht die Frage, ob es spektakulär klingt — sondern ob die Technologie die Intimität ihrer Musik verstärkt oder in Effekt auflöst.

Ein Cello in Lorin Maazels Opernorchester in Valencia. Eine tragende Rolle bei Cirque du Soleil. Und jetzt: 48 omnidirektionale Lautsprecher, die im Raum schweben, neun Subwoofer unter einem akustisch transparenten Boden, und eine Franco-Algerische Künstlerin, die dazwischen steht und singt — auf Arabisch, Französisch, Englisch, in Sprachen, die sich nicht übersetzen lassen in das, was der Musikmarkt „Genre" nennt. Am 11. April bringt Nesrine ihre Musik in den MONOM, Berlins Zentrum für Spatial Sound im Funkhaus. Auf dem Papier klingt die Kombination fast zu passend: diasporische Stimme trifft räumliche Klangtechnologie. Die Frage ist, ob die Begegnung hält, was sie verspricht — oder ob sie in bloßer Symbolik stecken bleibt.

Nesrine ist nicht leicht zu fassen, und genau darin liegt die Spannung. Aufgewachsen in Frankreich als Kind algerischer Eltern, studierte sie klassisches Cello und spielte in Institutionen, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Daniel Barenboims East-Western Divan Orchestra, das Opernorchester in Valencia unter Lorin Maazel, dann Cirque du Soleil. Es ist eine Biografie, die jede Schublade sprengt — und die Musik, die daraus entstand, bestätigt das. 2018 erschien mit dem Trio NES das Debütalbum „Ahlam": Stimme, Cello, Perkussion, so reduziert, dass die Besetzung selbst wie ein Statement wirkte. Das Album stieß auf breite Resonanz in der europäischen Musikpresse. Für ein Projekt, das nordafrikanische Melodiebögen mit minimalistischer Klangarchitektur und klassischer Spielkultur verschmolz, war dieser Konsens bemerkenswert.

Dann der Sprung ins Soloformat. Nesrine löste sich aus dem Trio und veröffentlichte ein selbstbetiteltes Album, das bei den German Jazz Awards nominiert wurde — eine Kategorisierung, die mehr über die Hilflosigkeit der Branche aussagt als über die Musik. Jazz? Nur bedingt. Weltmusik? Ein Begriff, der mittlerweile mehr verdeckt als beschreibt. Was Nesrine macht, lässt sich am ehesten als musikalische Autobiografie fassen: Nordafrikanische Rhythmik, die Disziplin klassischer Ausbildung, Fragmente von Pop und R&B — nicht kombiniert, sondern gewachsen. Ein Pressetext, den ich in mehreren leichten Variationen gefunden habe, formuliert es so: Die Verbindung der Kulturen sei nie künstlich, weil die verschiedenen Elemente schlicht Teile der künstlerischen Essenz der Künstlerin selbst seien. Das klingt nach PR-Poesie. Aber der Kern stimmt: Hier wird nichts fusioniert, hier spricht jemand, der diese Vielstimmigkeit nicht gewählt hat, sondern mit ihr aufgewachsen ist.

In einer Generation diasporischer Künstlerinnen und Künstler ist die Frage nach Authentizität nicht obsolet — sie hat sich verschoben. Nicht mehr „woher kommst du wirklich", sondern „was entsteht, wenn all diese Orte gleichzeitig in dir klingen". Das ist kein abstraktes Konzept. Es beschreibt eine konkrete ästhetische Situation: Musik, die keinen einzelnen Ursprung hat und keinen braucht. Nesrine steht damit in einer diasporischen Tradition, die Herkunft nicht als Startpunkt begreift, sondern als Resonanzraum.

Der MONOM ist für diese Musik ein faszinierender, vielleicht auch riskanter Ort. Seit seiner Eröffnung am 1. Dezember 2017 im historischen Funkhaus — dem ehemaligen Rundfunkzentrum der DDR — hat sich die Venue als eines der ambitioniertesten Labore für räumlichen Klang etabliert. Das Herzstück ist das 4DSOUND-System, und es funktioniert weniger als Lautsprecheranlage denn als Instrument: Es erzeugt Klangkörper, die im Raum erscheinen, sich bewegen, eine fast physische Präsenz entwickeln. Es gibt keinen Sweet Spot, keinen optimalen Sitzplatz. Der Klang umgibt bis zu 400 Menschen gleichzeitig, und was die Lautsprecher verlässt, löst sich von ihnen — wird zu etwas mit Tiefe, Richtung, Gewicht. Wer dort war, beschreibt eine Erfahrung, die näher an Skulptur liegt als an Konzert.

Hier wird die Kombination interessant — und riskant. Der MONOM hat bisher vor allem mit Ambient, Noise, experimenteller Elektronik gearbeitet: Musik, die sich naturgemäß für räumliche Entfaltung eignet, weil sie bereits in Flächen und Texturen denkt. Nesrines Arbeit ist anders gelagert. Sie ist melodisch, liedbasiert, an die menschliche Stimme und ein akustisches Instrument gebunden. Eine Dokumentation früherer Auftritte von Nesrine im MONOM oder vergleichbaren Spatial-Sound-Umgebungen habe ich nicht gefunden. Die entscheidende Frage ist nicht, ob es spektakulär klingt — das tut im MONOM fast alles —, sondern ob das 4DSOUND-System die Intimität ihrer Musik verstärkt oder verdünnt. Ob die Technologie dem Ausdruck dient oder ihn in Effekt auflöst.

Es gibt ein konkretes Argument dafür, dass es funktionieren kann. Die Reduziertheit ihres Soloformats — Stimme und Cello, manchmal ergänzt durch elektronische Texturen — lässt akustischen Raum, den ein System wie 4DSOUND füllen kann, ohne zu überfrachten. Und es gibt eine Resonanz, die über das Klangliche hinausgeht: Das Funkhaus diente einst dem DDR-Rundfunk, ein Ort der ideologischen Kontrolle über Frequenzen. Heute projiziert es eine Franco-Algerische Stimme in alle Richtungen gleichzeitig. Das ist keine gewollte Metapher, sondern ein Fakt der Architekturgeschichte — aber einer, der mitschwingt. Ein Gebäude, das für die Eindeutigkeit von Sendung gebaut wurde, wird zum Raum für eine Musik, die sich der Eindeutigkeit verweigert.

Berlin hat in den letzten Jahren eine wachsende Szene diasporischer Musiker*innen hervorgebracht, die sich weder in die Club-Logik der Stadt noch in die Hochkultur-Infrastruktur einfügen lassen. Sie bewegen sich in den Zwischenräumen — zwischen ZigZag Jazzclub und Radialsystem, zwischen Kellerkonzert und institutioneller Bühne. Der MONOM bietet für diese Musik einen dritten Ort: weder Konzertsaal noch Club, sondern ein technologischer Raum, der Klang als Architektur begreift. Für Nesrine, deren gesamte Biografie davon handelt, dass Kategorien nicht greifen, ist das vielleicht genau die richtige Bühne. Oder genauer: der richtige Nicht-Ort.

Was am 11. April passieren wird, entzieht sich der Vorhersage. Es liegt an der Natur des Aufeinandertreffens: eine Stimme, die Geschichten trägt, die älter sind als jede Technologie, und ein System, das Klang in etwas verwandelt, das es vorher nicht gab. Nesrine hat ihre Karriere damit verbracht, Räume zu betreten, die nicht für sie gemacht waren, und sie sich anzueignen. Der MONOM wartet.