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KAPUTX: Zehn Jahre ohne Erlaubnis

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Seit einem Jahrzehnt stellt KAPUTX Filipino Queer Rave Culture ins Zentrum der Berliner Nacht — nicht als Nische, sondern als Korrektur, die niemanden um Erlaubnis gefragt hat.

Zehn Jahre sind in Berlins Clublandschaft eine geologische Epoche. Labels kommen und gehen, Kollektive lösen sich auf, Venues schließen, Algorithmen fressen Subkulturen. Dass ein Festival, das Filipino Queer Rave Culture in den Mittelpunkt stellt, seit einem Jahrzehnt überlebt — nicht als verwässerte Marke, sondern als wiederkehrende Intervention —, sagt mehr aus als jedes Mission Statement.

KAPUTX feiert im März 2026 seine zehnte Ausgabe Das Festival versammelt über zwei Wochen Künstler*innen und DJs aus Berlin, Paris, London und Manila zu einem Programm, das zwischen Rave, Performance und kolonialer Aufarbeitung existiert — ohne sich je in eine dieser Kategorien einordnen zu lassen. Der Name selbst — KAPUTX, mit dem scharfen X am Ende — klingt nach Punk, nach bewusstem Bruch, nach etwas, das sich nicht reparieren lässt und will.

Aber warum sollte ein solches Festival überhaupt zehn Jahre lang nötig sein? Die Antwort liegt weniger bei KAPUTX als bei der Stadt, die es beherbergt. Berlin hat sich immer als offenste Metropole der Welt inszeniert. Die Clubszene trägt dieses Narrativ wie ein Banner: Berghain, Tresor, die Technomythen der Nachwendezeit. Doch wer in diesem Narrativ vorkommt und wer nicht, ist eine Frage, die erst in den letzten Jahren laut genug gestellt wird. Kollektive wie Room 4 Resistance und Lecken haben Räume für queere, nicht-weiße Communities geschaffen — nicht als Nische, sondern als Korrektur. KAPUTX gehört in diese Genealogie, aber es wäre reduktiv, das Festival nur als Teil eines Berliner Trends zu lesen. Zehn Editionen bedeuten: KAPUTX hat nicht auf einen Zeitgeist reagiert, sondern einen mitgeformt. Es war vor den meisten dieser Initiativen da.

Filipino Queer Rave Culture ist ein Begriff, der im westeuropäischen Clubdiskurs noch immer Erklärung braucht — und das sagt mehr über den Diskurs als über die Culture. Die Philippinen haben eine der komplexesten queeren Geschichten Südostasiens: vorkoloniale Babaylan-Traditionen, spanisch-katholische Repression, amerikanische Kulturimporte, Pageant- und Drag-Traditionen, die weit vor der westlichen Mainstream-Aufmerksamkeit für Drag existierten Dazu kommt eine Diaspora, die in den Serviceindustrien europäischer Metropolen arbeitet, oft unsichtbar — die OFW-Realität, die Care-Arbeit, die strukturelle Auslöschung. Wenn Filipino queere Künstler*innen in Berlin raven, dann raven sie mit diesem ganzen Gewicht im Rücken.

Der Punk-Spirit, den die Macher*innen selbst als Referenz nennen, ist kein nostalgisches Zitat. Es geht nicht um Sicherheitsnadeln und drei Akkorde, sondern um die Haltung: DIY, Anti-Establishment, die Weigerung, auf Erlaubnis zu warten. Rebellion klingt anders, wenn du nicht gegen bürgerliche Langeweile rebellierst, sondern gegen koloniale Gewalt, gegen Heteronormativität, gegen die Unsichtbarkeit deiner Community in der Stadt, die du dein Zuhause nennst. Das ist der Unterschied zu den meisten Punk-Referenzen im europäischen Clubkontext: Hier geht es nicht um Attitüde als Stilmittel, sondern um Notwendigkeit.

Das Programm umfasst Live-AV-Performances, DJ-Sets und kollaborative Arbeiten Mario Consunji wird als einer der beteiligten Künstler genannt. Die Kombination aus Live-AV und Rave-Kontext ist kein Zufall: Sie verschiebt die Party vom reinen Konsum hin zu einer sensorischen Erfahrung, die Kunst ist, ohne sich als Kunstkontextparty zu inszenieren. Wo Berliner Institutionen wie das CTM Festival oder die transmediale audiovisuelle Performance als kuratorische Kategorie verwalten — mit Antragslogik, institutioneller Rahmung, Diskursprogramm —, operiert KAPUTX von einem anderen Ort aus: Die audiovisuelle Arbeit entsteht hier aus Community-Beziehungen, nicht aus Förderstrukturen. Das ist keine Wertung, aber es ist ein Unterschied, den man hört und sieht.

Zwei Wochen Programm ermöglichen eine Dichte, die ein einzelner Abend nie erreichen könnte. Den langsamen Aufbau von Zusammenhängen, das Wiederkommen, das Erkennen von Mustern zwischen verschiedenen Acts und Abenden. KAPUTX lebt in dem Raum, den Techno-Puristen, Kunstbetrieb und akademische Konferenzen jeweils nicht ganz greifen können — und genau darin liegt seine Stärke.

Die queere asiatische Diaspora-Szene in Europa hat in den letzten Jahren an Sichtbarkeit gewonnen. Kollektive wie Eternal Dragonz und Chinabot haben Netzwerke aufgebaut, die asiatische elektronische Musik jenseits westlicher Exotisierung sichtbar machen Aber die Spezifik eines Filipino queeren Rave-Festivals bleibt einzigartig. Es geht eben nicht um „Asien" als monolithischen Block, sondern um eine konkrete Community mit einer konkreten Geschichte — die OFW-Diaspora, die spezifischen Formen von Queerness, die in Tagalog und Cebuano eigene Worte haben, die es im Deutschen nicht gibt.

Hat KAPUTX die Berliner Clublandschaft verändert? Wahrscheinlich nicht messbar, nicht in Besucherzahlen oder Booking-Listen der großen Clubs. Aber Kultur verändert sich nicht nur durch Mainstream-Durchbrüche. Sie verändert sich durch die Existenz von Räumen, die vorher nicht da waren. Durch die Tatsache, dass jemand, der zum ersten Mal nach Berlin kommt — queer, Filipino, zwanzig Jahre alt —, weiß, dass es diesen Raum gibt. Zehn Editionen sind ein Statement, das kein Manifesto ersetzen kann. Es bedeutet: Wir waren hier, als niemand hingeschaut hat, und wir sind immer noch hier.

Ich kann nicht wissen, wie es sich anfühlt, um drei Uhr morgens in einem dunklen Raum zu stehen, umgeben von Menschen, die deine Geschichte teilen, während ein Beat durch den Boden vibriert. Was sich aus allem Material, aus allen Beschreibungen destillieren lässt, ist dies: KAPUTX ist kein Festival, das eine Gegennarrative zur Mainstream-Clubkultur anbietet. Es ist eine. Seit zehn Jahren, ohne Pause, ohne Erlaubnis.