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enderu

Imarhan bauen sich ein Zentrum, das keines sein sollte

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Imarhan bringen mit *Essam* eine Musik ins Gretchen, die aus Exil, Verwandtschaft und dem Beharren auf eigene Produktionsverhältnisse entstanden ist — und die Frage mit, ob Zuhören in einer Stadt, die sich als offen feiert und zugleich Grenzen zieht, mehr sein kann als Konsum.

Ein Gitarrenriff, das sich in sich selbst dreht — trocken, repetitiv, hypnotisch. Dann eine Stimme, weich und doch bestimmt, die über dem Rhythmus schwebt. So beginnen viele Beschreibungen von Imarhan, und fast alle greifen dabei reflexhaft zu Wüstenmetaphern: Sand, Wind, Dünen, Weite. Aber die Geschichte hinter diesen Klängen ist komplizierter, politischer und dringlicher, als das Label „Desert Blues" vermuten lässt. Und sie beginnt nicht in der Wüste, sondern in einer Stadt.

Imarhan — Tamasheq für „die, die mir am Herzen liegen" — formierte sich um 2006 in Tamanrasset, der größten Tuareg-Siedlung im südlichen Algerien, eingebettet in die Ahaggar-Berge. Die Band begann als loses Freundeskreis-Projekt um Sänger Iyad Moussa Ben Abderahmane, genannt Sadam. Sadam bewegt sich im Orbit von Tinariwen, jener Band, die Tuareg-Musik ab den 2000ern überhaupt erst auf westliche Radarschirme brachte. Diese biografische Verflechtung ist kein Zufall — sie ist symptomatisch für eine Szene, in der familiäre, musikalische und politische Bindungen untrennbar sind. Wer aus Tamanrasset kommt und Gitarre spielt, steht automatisch in einem Netz aus Verwandtschaft und Widerstand.

Die Tuareg-Musikgeschichte der letzten fünfzig Jahre lässt sich nicht erzählen, ohne über Vertreibung zu sprechen — und über die Strukturen, die bestimmen, wer an Musik verdient. Tinariwen gründeten sich Ende der 1970er-Jahre, doch politische Instabilität in der Sahel-Region verzögerte ihre internationale Anerkennung um Jahrzehnte. Als diese Anerkennung schließlich kam, geschah sie nach westlichen Regeln: Booking-Agenturen in London, Veröffentlichungen auf Labels im Globalen Norden, Festivalslots als Exotik-Garantie. Mdou Moctar gelang 2021 mit *Afrique Victime* ein kritischer Durchbruch, Tamikrest und Bombino expandierten den Radius. Doch echte Autonomie — kreativ und wirtschaftlich — blieb die Ausnahme. Die Musik reiste, die Wertschöpfung blieb, wo sie immer bleibt.

Imarhan haben daraus konkrete Konsequenzen gezogen. In Tamanrasset errichteten sie ein eigenes Studio: Aboogi, benannt nach einem traditionellen Haustyp der Region. Dieses Studio ist mehr als ein Aufnahmeraum. Sadam formulierte die Absicht, internationale Künstler einzuladen und die Produktionsverhältnisse umzukehren — die Region nicht als exotische Klangkulisse zu behandeln, sondern als Zentrum eigener Produktion. Der Ort wurde rechtzeitig fertig, um eine der letzten Aufnahmen von Mohammed Ag Itlale festzuhalten, bekannt als Japonais — Dichter, Gitarrist, Mitgründer des Tinariwen-Kollektivs. Japonais gab Imarhan Songs, weil er fürchtete, sie selbst nicht mehr aufnehmen zu können. Er starb 2021. Auf *Aboogi*, dem dritten Album, ist seine Stimme auf „Tamatidin" zu hören — ein dokumentiertes Fragment einer mündlichen Tradition, die mit jedem verlorenen Ältesten unwiederbringlich verschwindet.

Besonders aufschlussreich ist, was Sadam über die Geschlechterstruktur dieser Tradition sagt: Achtzig Prozent der traditionellen Tuareg-Musik sei weiblich. Doch in den letzten Jahren fehlten Frauen Räume und Ermutigung, diese Praxis öffentlich fortzuführen. Auf *Aboogi* gastierten Sängerinnen wie Wonou Walet Sidati und Nounou Kaola; die sudanesische Sängerin Sulafa Elyas sang auf Arabisch, Gruff Rhys von Super Furry Animals auf Walisisch — eine polyglotte Gästeliste, die weniger kosmopolitische Pose ist als Programm: kultureller Austausch auf Augenhöhe, nicht als Einbahnstraße. Das Aboogi Studio wird zum Katalysator für eine Praxis, die westliche Produktionslogik umkehrt. [~Die Prozentzahl stammt direkt von Sadam; die Gastkollaborationen sind durch Guardian-Interview und Magnet-Feature belegt, Sulafa Elyas' Beteiligung ist weniger breit dokumentiert~].

Ihr viertes Album *Essam*, erschienen auf City Slang und aufgenommen in eben jenem Studio, setzt die Bewegung fort: Tradition nicht als museales Artefakt, sondern als lebendige, mutationsfähige Kraft. Imarhan singen in Tamasheq und integrieren Funk, Psychedelia, Jazz und elektronische Elemente, ohne dass es nach Fusion-Tourismus klingt. Das Magnet Magazine beschreibt den Ansatz treffend: Es ging nie darum, sich anzupassen, sondern um Austausch. *Essam* beleuchtet die mündliche Kultur der Tuareg — Teezeremonien, Poesie, Gesänge — und stellt sie in ein zeitgenössisches Klangfeld, das sich weigert, nostalgisch zu sein.

Am 15. April spielen Imarhan im Gretchen in Kreuzberg — ehemaliger Stall des Preußischen 1. Garde-Dragoner-Regiments, seit 2011 einer der konsequentesten Liveclubs Berlins. Gusseiserne Säulen, Kreuzgewölbe, niedrige Decken: ein Raum, der Schall nicht verstreut, sondern verdichtet. Live treten Imarhan als Sextett mit Keyboarder Maxime Kosinetz auf, in schimmernden Damast-Gewändern, Sadam mit seiner wilden Lockenmähne, Hicham Bouhasse zwischen Gitarre, Schlagzeug und Perkussion wechselnd. Konzertberichte beschreiben eine Musik, die Wiederholung als Tranceinduktion nutzt, Call-and-Response-Gesang als sozialen Akt begreift und Dynamik weniger durch Lautstärke als durch Texturverschiebungen erzeugt. Ich kann das nicht aus eigener Erfahrung bestätigen. Was sich aus den Aufnahmen rekonstruieren lässt: Die Repetition ist kein Minimalismus im westlichen Sinne, sondern Methode — ein Beharren auf dem Moment, das seine eigene Zeitlichkeit erzeugt.

Die Bedeutung dieses Konzerts liegt nicht allein in der Musik. Europa zieht Grenzen enger, physisch und kulturell. Die Sahel-Region bleibt eine der instabilsten der Welt. Tuareg-Gemeinschaften leben seit Generationen zwischen Staaten, die sie nicht repräsentieren, in einem Territorium, das ihnen genommen wurde. Dass Imarhan auf City Slang erscheinen, in einem Kreuzberger Club spielen, der sich als Plattform für musikalische Diversität versteht, erzeugt eine Konstellation, die man bemerken sollte. Nicht als wohlfühlige Weltmusik-Harmonie, sondern als Reibungsfläche: Hier trifft Musik, die aus Exil und Widerstand entstanden ist, auf ein Publikum in einer Stadt, die gleichzeitig über Abschiebungen debattiert und sich als offen feiert.

Imarhan spielen derzeit eine europäische Tour im Rahmen des *Essam*-Albumzyklus. Was danach bleibt, ist eine Frage, die sich nicht musikalisch beantworten lässt: Ob Zuhören reicht. Ob die Autonomie, die Imarhan sich Stück für Stück erarbeiten — das eigene Studio, die eigene Ästhetik, die eigenen Bedingungen — auch etwas über die Position derer erzählt, die im Publikum stehen. Darüber, wer profitiert, wenn Klänge reisen. Und wer zurückbleibt.