SYNTSCH

enderu

Heroines of Sound 2026 und die Netzwerke, die keiner sieht

5 Min. Lesezeit

Beim Heroines of Sound 2026 im Radialsystem macht Co-Kuratorin Midori Hirano die Netzwerke japanischer Klangkünstlerinnen in Europa sichtbar, die längst existieren, aber in der Festivallandschaft systematisch übersehen werden — und verschiebt damit die Frage von Repräsentation zu Struktur.

Kyoka zerlegt einen Beat, bis er gleichzeitig funktioniert und sich auflöst. Tomoko Sauvage füllt Porzellanschalen mit Wasser, hängt Unterwasser-Mikrofone hinein und wartet, was passiert. Miki Yui arbeitet mit Klängen, die so leise sind, dass sie die Aufmerksamkeit nicht fordern, sondern langsam umschließen. Drei Künstlerinnen, drei radikal verschiedene Praktiken — verbunden durch die Tatsache, dass sie alle japanischer Herkunft sind, alle in Europa leben und arbeiten, und alle auf dem Programm von Heroines of Sound 2026 stehen. Das Festival kehrt vom 10. bis 12. Juli ins Radialsystem zurück, und seine diesjährige Ausgabe stellt eine Frage, die über Programmgestaltung hinausgeht: Wessen Netzwerke bleiben in der europäischen Festivallandschaft unsichtbar?

Heroines of Sound wurde 2014 von Bettina Wackernagel und einer Gruppe Berliner Künstlerinnen gegründet und hat sich über zwölf Ausgaben zu einer der wenigen Plattformen entwickelt, die konsequent FLINTA*-Positionen in elektronischer Musik, Klangkunst und Komposition sichtbar machen — nicht als Nischenveranstaltung, sondern als ästhetisches Programm mit internationalem Radius. Über 150 Künstlerinnen und nicht-binäre Künstler:innen hat das Festival in dieser Zeit präsentiert Es ist ein Festival, das zwischen akademischer Avantgarde und experimentellem Pop eine Schnittmenge besetzt, die kaum ein anderes Berliner Format so zuverlässig bedient.

Der Fokus der Ausgabe 2026 liegt auf der asiatischen Diaspora, mit besonderem Schwerpunkt auf japanische Künstlerinnen in Europa. Midori Hirano, in Kyoto geboren und seit Jahren in Berlin ansässig, ist Co-Kuratorin. Ihr eigenes Werk — man höre etwa *Mirrors in Mirrors*, wo Klavierlinien sich in körnige Elektronik auflösen, bis unklar wird, was akustisch und was digital ist — macht sie zu einer Kuratorin, die nicht von außen ordnet, sondern aus der Praxis heraus. Dass sie die kuratorische Achse bestimmt, gibt dem Festival eine andere Logik als bloße Repräsentation. Es geht nicht darum, japanische Künstlerinnen auf eine Berliner Bühne zu stellen, damit ein Diversitätskriterium erfüllt wird. Es geht darum, ein Netzwerk sichtbar zu machen, das längst existiert, aber in der deutschen Festivallandschaft systematisch unterrepräsentiert bleibt.

Japanische Komponistinnen und Klangkünstlerinnen wie Eiko Ishibashi sind auf großen deutschen Festivals kaum zu sehen — trotz internationaler Karrieren, die sich über Jahrzehnte erstrecken. Ishibashi etwa, die mit Jim O'Rourke zusammenarbeitet und den Soundtrack zu Hamaguchi Ryūsukes *Drive My Car* komponierte — ausgezeichnet in Cannes 2021 mit dem Preis für das Beste Drehbuch, danach mit dem Oscar für den besten internationalen Film —, ist in Japan ein Star und in Europa eine Insiderin. Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Muster: Europäische Festivals tendieren dazu, japanische elektronische Musik entweder als exotisches Kuriosum zu behandeln oder unter Labels wie „Noise" und „Ambient" zu subsumieren, die die Komplexität der jeweiligen Praxis glätten.

Heroines of Sound setzt dagegen auf Differenzierung. Was die eingeladenen Künstlerinnen verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Klang als eine geteilte Intensität bei reduzierten Mitteln. Kyoka, die auf dem Label raster veröffentlicht, macht aus Rhythmus eine Versuchsanordnung — ihre Live-Sets untersuchen, was passiert, wenn ein Beat gleichzeitig greift und sich entzieht. Sauvages Wasserklang-Arbeiten sind unvorhersehbar im wörtlichen Sinn: Temperatur, Verdunstung, Vibration verändern das Ergebnis in Echtzeit. Yui operiert an der Grenze der Wahrnehmung, dort, wo Klang aufhört, Aufmerksamkeit zu fordern, und anfängt, sie zu verändern.

Yoko Konishi, die in Berlin eine Uraufführung und eine elektronische Live-Performance präsentiert, arbeitet mit Klang als räumlicher Erfahrung. Konishi hat am IRCAM mit ambisonischen Soundsystemen gearbeitet und versteht Komposition im Raum als ihre Spezialität Ihre Arbeit fragt, was Klang tut, wenn er sich bewegt, wenn er den Körper als Resonanzkörper benutzt — wenn er nicht nur gehört, sondern physisch durchlebt wird. Es ist eine Frage, die sich mit dem Ansatz anderer Programmpunkte kreuzt, ohne dass die Arbeiten direkt aufeinander bezogen wären. Die Konvergenz — Klang als körperliche Erfahrung, Klang jenseits des rein Auditiven — wirkt weniger wie ein geplanter roter Faden als wie ein Symptom dessen, was passiert, wenn man ein Programm aus tatsächlich verwandten Praktiken zusammenstellt.

Das Radialsystem, Festivalort seit Jahren, ist für solche Arbeiten ein idealer und zugleich vorbelasteter Raum. 1881 als Pumpwerk für Berlins Abwassersystem gebaut, 1905 auf die doppelte Größe erweitert, im Krieg teilzerstört, dann bis 1999 als Klärwerk genutzt und schließlich zum Kunstraum umgebaut, trägt das Gebäude seine industrielle Geschichte in den Backsteinmauern und den hohen Hallen. Die Akustik, die Sichtlinien, das Licht durch die großen Fenster — nichts davon ist neutral. Infrastruktur, die einmal dafür sorgte, dass eine Stadt funktioniert, rahmt jetzt Klangkunst, die fragt, wie Körper funktionieren.

Was Heroines of Sound in seiner besten Form leistet, ist weniger die Antwort auf eine Quote als die Demonstration einer These: dass die Geschichte elektronischer Musik anders klingt, wenn man sie von anderen Positionen aus erzählt. Die Gründungsidee des Festivals — Pionierinnen, deren Arbeit wahrgenommen, aber nicht kanonisiert wurde, neben zeitgenössische Praktiken zu stellen — hat sich weiterentwickelt. Der Diaspora-Fokus 2026 verschiebt die Frage von „Wer wurde vergessen?" zu „Wessen Netzwerke bleiben unsichtbar?". Es ist ein Unterschied, der zählt: Vergessen impliziert einen ehemaligen Platz in der Erzählung. Unsichtbarkeit bedeutet, dass der Platz nie vorgesehen war.

Tagestickets kosten 22 Euro, der Festivalpass 54 Euro; Ausstellungen, Panels und die Sound- und Filmbar sind kostenlos zugänglich Das Programm beginnt am Donnerstagabend, dem 9. Juli, einen Tag vor dem offiziellen Start — als ließe sich der Diskurs nicht bis Freitag zurückhalten. Midori Hirano, Yoko Konishi, Kyoka, Tomoko Sauvage, Miki Yui: fünf Künstlerinnen, fünf Antworten auf eine Frage, die keiner von ihnen allein gehört. Die Frage gehört dem Raum dazwischen.