Grünes Licht im Babylon
Wenn das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in grünes Licht getaucht wird, zeigt das Irish Film Festival Berlin fünf Tage lang, dass irisches Kino weit mehr ist als Oscar-Glamour — und dass ein Saal, der Kolonialismus buchstabieren kann, der richtige Ort dafür ist.
Hans Poelzig hat dieses Kino nie für irische Filme entworfen. Als er 1928 am Bülowplatz — heute Rosa-Luxemburg-Platz — seinen Bau hochzog, dachte er an Neue Sachlichkeit, an rationale Geometrie. Fast hundert Jahre später wird das Babylon Berlin an einem Samstagabend im März 2026 in grünes Licht getaucht, Traditional Musicians spielen live in einem Saal, der DDR-Programmkino war, Berlinale-Spielstätte ist und jetzt für fünf Tage zur Bühne irischer Filmkultur wird. Das ist kein Zufall, sondern eine jener Überlagerungen, die Berlin besser kann als jede andere Stadt: Geschichte als Bühne, die sich immer neu bespielt.
Das Irish Film Berlin Festival — offiziell unter dem Namen St Patrick's Film Festival geführt — geht 2026 in seine vierte Ausgabe. Das Archiv listet Editionen für 2023, 2024 und 2025, widersprüchliche Angaben in den Quellen, aber die vierte Ausgabe ist plausibel. Was als Nischenveranstaltung begann, ist inzwischen offizieller Partner des Irish Film Institute und seines IFI International Programme — ein Gütesiegel, das signalisiert, dass hier Kuration stattfindet, nicht bloß Abspielen.
Der Zeitpunkt passt. Irisches Kino befindet sich in einer Phase, die man als golden bezeichnen kann, wenn man den Superlativ nicht scheut. Cillian Murphy gewann seinen Oscar für Oppenheimer, Paul Mescal wurde spätestens seit Aftersun zum Gesicht einer neuen irischen Männlichkeit erklärt, Barry Keoghan machte mit Saltburn und The Banshees of Inisherin Karriere als eine Art unberechenbares Naturereignis auf der Leinwand. Aber das Narrativ der irischen Superstars — so berechtigt es ist — verdeckt eine breitere Bewegung. Die interessantere Geschichte spielt unterhalb der Award-Season-Headlines: in den Kurzfilmen, den Dokumentationen, den Erstlingswerken, die auf Festivals wie diesem ihr internationales Publikum finden.
Genau hier setzt Irish Film Berlin an. Das Programm spannt fünf Tage, die sich weniger wie ein chronologisches Screening anfühlen als wie eine thematische Vermessung. Jede Edition rückt eine andere Region Irlands in den Fokus — nach den Midlands, dem Midwest und dem Norden ist dieses Jahr Dublin dran. Dublin nicht als Postkartenkulisse, sondern als Ort, der sich durch seine Filme erzählt.
Der Freitagabend, 13. März, eröffnet mit einem Doppel, das programmatisch klug gesetzt ist: Girls & Boys, ein Film über queere Selbstfindung im Dubliner College-Milieu — ein Rugby-Spieler trifft einen trans Filmemacher auf einer Party, zwei Welten kollidieren — gefolgt von Intermission, John Crowleys chaotischer Liebeskomödie aus 2003, die Dublin von seiner intimsten und unberechenbarsten Seite zeigt. Zwei Generationen irischer Liebesgeschichten, eine Stadt. Dass Girls & Boys mit Einführung und Q&A der Filmemacher begleitet wird, unterstreicht den Festivalcharakter: Es geht ums Gespräch, nicht nur ums Zeigen.
Der Samstag gehört dem Kurzfilm und dem Feiern. Die Kurzfilmauswahl unter dem wunderbar pragmatischen Titel Spice Bag versammelt Arbeiten wie Snot Rocket — gedreht in Schöneberg, über zwei irische Immigranten, die eine Buchhandlung ausrauben wollen, weil dort ja „heutzutage das ganze Geld liegt". Ein Film über das irische Leben in Berlin, gezeigt in Berlin für ein Publikum, das genau dieses Leben lebt. Abends dann The Commitments in der OmU-Fassung — Alan Parkers Adaption von Roddy Doyles Roman, die 2026 ihr 35-jähriges Jubiläum feiert. The Commitments als „wohl beliebtester irischer Film" — so die Eigenzuschreibung des Festivals. Diskutabel, aber die Resonanz des Films in der irischen Popkultur ist breit dokumentiert. An diesem Abend wird das Babylon grün ausgeleuchtet, Traditional Musicians spielen live — der Moment, an dem das Festival bewusst über die Leinwand hinausgreift und den Saal in eine Bühne verwandelt.
Was das Programm der restlichen Tage auszeichnet, ist die Weigerung, Irland auf eine einzige Erzählung zu reduzieren. Sonntags zeigt Spilt Milk Dublin durch Kinderaugen in der Heroin-Krise, während Outsider Artists — The Story of Paranoid Visions den irischen Punk dokumentiert. Montags folgt mit Sanatorium ein irisch produzierter Dokumentarfilm über Menschen in Odessa, die im Krieg Momente der Ruhe suchen — direkt neben Ken Loachs The Wind That Shakes the Barley, dem Palme-d'Or-Gewinner von 2006 über den irischen Unabhängigkeitskrieg. Queere Selbstfindung neben Bürgerkriegsgeschichte, Punk neben ukrainischem Kriegsalltag in irischer Produktion, Schöneberg-Kurzfilm neben Folk-Hommage. Das ist kein Wohlfühl-Diaspora-Event mit Guinness-Sponsoring und Sentimentalität. Die Programmstruktur deutet auf eine ernsthafte kuratorische Handschrift hin, aber ohne Zugang zu internen Entscheidungsprozessen bleibt das eine Ableitung aus dem veröffentlichten Programm.
Dienstags, am St. Patrick's Day, stehen zwei sehr unterschiedliche Patricks auf dem Programm: Terry McMahons Patrick's Day — ein psychologisches Drama über einen jungen Mann mit Schizophrenie, der sich verliebt — und Neil Jordans Breakfast on Pluto mit Cillian Murphy als trans Frau im Irland der 1970er. Mittwoch schließt mit Small Things Like These unter der Regie von Tim Mielants, einem Film über vergrabene Geheimnisse in einer eng verbundenen Gemeinschaft. Die Klammer zwischen Dienstag und Mittwoch ist präzise: Beide Filme handeln davon, was passiert, wenn ein einzelner Mensch gegen die stille Übereinkunft einer Gemeinschaft anlebt — einmal durch Krankheit, einmal durch Geschichte.
Der Ort selbst trägt Bedeutung. Das Babylon ist eines der wenigen Berliner Kinos, die noch eine physische Geschichte haben, die man an den Wänden ablesen kann. Poelzigs Bau überstand den Zweiten Weltkrieg weitgehend intakt, durchlief die DDR-Jahre als Programmkino und wurde nach der Wende denkmalgerecht saniert und 2001 wiedereröffnet — Details zur Baugeschichte aus mehreren, teils widersprüchlichen architekturhistorischen Quellen. Ein Kino, das so viele politische Systeme überlebt hat, zeigt jetzt Filme aus einem Land, dessen eigene Geschichte von Kolonialismus, Teilung und kultureller Wiedererfindung gezeichnet ist. Man muss die Parallele nicht strapazieren — aber wer im Babylon sitzt und The Wind That Shakes the Barley schaut, spürt, dass dieser Saal weiß, was Besatzung bedeutet.
Irisches Kino in Berlin zu zeigen, hat eine Resonanz, die über das Programmatische hinausgeht. Berlin ist eine Stadt voller irischer Emigranten — die Kurzfilme, die in Schöneberg gedreht werden, die Musiker in Neukölln, die Filmemacher, die nach dem Brexit oder nach der Finanzkrise nach Deutschland kamen. Irish Film Berlin bedient kein abstraktes internationales Publikum, sondern eine konkrete Community, die gleichzeitig Teil der Stadt und Teil der irischen Kulturproduktion ist. Wenn Snot Rocket im Babylon läuft, sitzen im Publikum möglicherweise Leute, die die Buchhandlung kennen.
Fünf Tage, ein Kinosaal, kein roter Teppich. Dafür ein Festival, das genau weiß, für wen es da ist — und das am Samstagabend das Licht auf Grün schaltet, weil Zugehörigkeit manchmal eine Farbe hat.