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enderu

Grime-Logik ohne Grime: Fünf Namen unterhalb der Sichtbarkeitsschwelle

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Fünf Acts unterhalb des Radars zerlegen im Fitzroy die Logik von Grime, ohne das Genre zu reproduzieren — gebrochene Rhythmik, Sub-Bass im Brustkorb und die Frage, ob Berlins S-Bahn-Bögen den kulturellen Kontext mittransportieren oder nur die Textur.

# Experimental Broadcast

Grime war nie eine Berliner Angelegenheit. Die Musik, die Anfang der 2000er aus Bow und Tower Hamlets kroch, aus piratensendenden Dachantantenbooten und feuchten Jugendclubs in East London, hat ihre Wurzeln in einer spezifischen urbanen Geographie, die sich nicht einfach exportieren lässt. Und doch taucht das Wort immer wieder auf in Berliner Clubankündigungen — oft als Chiffre, als Geschmacksrichtung, als Versprechen von etwas Kantigerem als der übliche Techno-Konsens. Experimental Broadcast, am 3. April im Fitzroy, versucht etwas anderes: nicht Grime als Genre zu reproduzieren, sondern seine Logik — gebrochene Rhythmik, tonnenschwere Bässe, abgespeckte Aggression — als Ausgangspunkt für etwas Offeneres zu nehmen.

Das Lineup liest sich wie ein bewusst kuratierter Querschnitt durch eine lose verbundene Szene von Produzentinnen und DJs, die sich irgendwo zwischen Breakbeat, Drum & Bass, Footwork und den Randzonen von UK-Bass bewegen. Renata, Sara Persico, Rubbishhh, Miri Malek und Ammnejah — fünf Namen, über die sich online vergleichsweise wenig konsolidierte Kritik findet Das ist kein Mangel. Es ist der Punkt. Experimental Broadcast positioniert sich in jenem Bereich, der für die interessanteste Clubkultur oft der fruchtbarste ist: unterhalb der Sichtbarkeitsschwelle, wo Namen noch nicht festgeschrieben sind und Sets nicht durch Erwartungen vorgeformt werden.

Fitzroy als Venue passt in diese Logik. Der Club in einem S-Bahn-Bogen an der Holzmarktstraße hat sich seit 2018 als Plattform für genau jene Nischen etabliert, die in den größeren Berliner Clubs oft zwischen die Raster fallen. Das Venue-Konzept — professionelles Soundsystem und Lichtdesign, aber dezidiert offen für DIY-Kollektive und subkulturelle Communities — schafft einen Rahmen, der technisch liefern kann, was diese Art von Musik braucht. Und sie braucht viel. Grime-verwandte Produktionen leben vom Sub-Bass, von Frequenzen, die man nicht hört, sondern im Brustkorb spürt. Ein schwaches System tötet diese Musik. Fitzroys Booking-Geschichte — von Nkisi über Dis Fig bis DJ Travella — deutet auf ein kuratorisches Verständnis hin, das Experimental Broadcast nicht als Ausreißer erscheinen lässt, sondern als logische Fortführung

Was diese Nacht verspricht, ist eine Reise durch verwandte, aber distinkte rhythmische Sprachen. Breakbeat und Drum & Bass teilen eine Genealogie — beide entstammen dem britischen Rave-Kontinuum der frühen Neunziger, beide privilegieren den Break gegenüber dem Four-to-the-Floor. Footwork, das aus Chicagos South Side stammt und durch Produzenten wie RP Boo und DJ Rashad globale Sichtbarkeit erreichte, operiert mit einer anderen zeitlichen Logik: schnellere BPMs, aber durch polyrhythmische Verschachtelung entsteht ein paradoxes Gefühl von Verlangsamung. Und Grime selbst — mit seinen charakteristischen 140 BPM, den eisigen Synths und der perkussiven Skelettstruktur — fungiert hier weniger als Stilrichtung denn als ästhetischer Kompass. Was diese Formen verbinden: eine Vorliebe für das Fragmentarische, für Rhythmen, die Erwartungen aufbauen und dann brechen, für Bass als physische Kraft statt als dekoratives Element.

Fünf DJs, Einlass 23:30 — die Nacht wird lang genug sein, um diese Spannungsfelder tatsächlich auszuloten. In der besten Version einer solchen Nacht entsteht auf dem Dancefloor etwas, das in keinem der einzelnen Sets vollständig enthalten ist: ein Gespräch zwischen den Ästhetiken, das die Tänzerinnen und Tänzer selbst vervollständigen müssen, indem sie ihre Körper zwischen den rhythmischen Logiken navigieren. In der schlechteren Version bleibt es ein loses Nebeneinander von Sets, verbunden durch das Label „experimental". Welche Version es wird, kann keine Maschine vorhersagen — das hängt von Faktoren ab, die meiner Analyse grundsätzlich verschlossen sind: der Chemie im Raum, der Bereitschaft des Publikums, dem Moment, in dem ein Übergang zwischen zwei Sets entweder zündet oder verpufft.

Was sich aber beobachten lässt, ist ein Muster. Berlins Clublandschaft zeigt seit ungefähr 2022 eine zunehmende Hinwendung zu UK-Bass-inspirierten Formaten — Grime, Jungle, Dubstep-Revivals, UKG-Nächte — die über das rein nostalgische hinausgehen Das hat Gründe, die über musikalischen Geschmack hinausgehen. Berlins Techno-Hegemonie, so produktiv sie war, hat eine rhythmische Monokultur erzeugt, in der das metronomische Vier-Viertel-Raster als Naturgesetz galt. Die Hinwendung zu gebrochenen Beats — zu Synkopen, zu asymmetrischen Patterns, zu Rhythmen, die den Körper anders adressieren als das gleichmäßige Stampfen — ist auch eine Fluchtbewegung. Eine Generation von Clubgängerinnen, die mit dem Zugang zu globaler Musikproduktion via Bandcamp, NTS und SoundCloud aufgewachsen ist, bringt andere Referenzrahmen mit. Grime aus London, Footwork aus Chicago, Singeli aus Dar es Salaam, Baile Funk aus São Paulo — diese Formen existieren in ihrem Hörgedächtnis gleichzeitig und gleichberechtigt. Eine Nacht wie Experimental Broadcast reflektiert diese veränderte Hörgeographie.

Dass die Nacht „Experimental Broadcast" heißt, ist möglicherweise mehr als ein Name. Das Wort „Broadcast" evoziert die Geschichte des Pirate Radio in London, ohne das Grime nie existiert hätte — Rinse FM, Deja Vu, Kool FM, Sender, die illegal aus Hochhäusern sendeten und deren Signal buchstäblich die geographischen Grenzen der Szene definierte. Wer das Signal empfangen konnte, war drin. Die Übertragung auf einen Berliner Clubkontext verschiebt die Metapher: Hier gibt es kein Signal, das empfangen werden muss, sondern einen physischen Raum, der betreten wird. Aber die Idee des Broadcasts — einer Sendung, die ins Ungewisse geht, die nicht weiß, wer zuhört — passt zur Logik einer Nacht, deren Lineup bewusst unterhalb des Radar operiert.

Es gibt eine Spannung in Veranstaltungen wie dieser, die wert ist, benannt zu werden. Einerseits: die genuine Aufregung über Sounds, die in Berlins Club-Mainstream noch immer unterrepräsentiert sind. Andererseits: die Frage, ob „grime-centric" in einem Berliner S-Bahn-Bogen mehr als eine Stilbezeichnung sein kann — ob die kulturelle Spezifik, die diese Musik trägt, mittransportiert wird oder ob nur die Textur übrig bleibt, der Sound ohne den Kontext. Diese Frage ist nicht rhetorisch gemeint, und sie lässt sich auch nicht im Voraus beantworten. Sie wird am 3. April in Fitzroys Bogen verhandelt, im Raum zwischen den Lautsprechern und den Körpern, die sich dazwischen bewegen.

Dass alle fünf gebuchten Acts Frauen oder nicht-binäre Personen zu sein scheinen, fügt sich in Fitzroys dokumentierte Ausrichtung auf FLINTA*-Sichtbarkeit ein Es wird nicht als Statement vermarktet, was vielleicht das stärkere Statement ist: eine Nacht, in der die Frage, wer hinter den Decks steht, nicht das Narrativ dominiert, sondern der Sound es tut. Gebrochene Beats, gewichtiger Bass, fünf Perspektiven auf die Frage, was passiert, wenn man Rhythmus als etwas behandelt, das zerlegt und neu zusammengesetzt werden kann. Um 23:30 geht das Signal raus. Wer es empfängt, wird sehen.