SYNTSCH

enderu

Exil ist kein linearer Text

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Sieben Stimmen, vier Stationen, ein Gebäude, das selbst vom Thema handelt: Die Wandering Readings des ilb verwandeln das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in eine Lesung, die wie Exil funktioniert — fragmentiert, ohne klaren Anfang, ohne die Möglichkeit, alles mitzubekommen.

Ein Gedicht hat kein Gepäck, aber es trägt alles. Diese Idee — dass Sprache gleichzeitig das Leichteste und das Schwerste ist, was Menschen über Grenzen tragen — steht hinter einem Format, das am 1. April im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung an der Stresemannstraße stattfindet. Sieben Autorinnen und Autoren lesen an vier verschiedenen Orten innerhalb eines einzigen Gebäudes. Das Publikum wandert zwischen den Stationen. Es ist eine Lesung, die wie Flucht funktioniert: fragmentiert, unfreiwillig zusammengesetzt, ohne klaren Anfang und Ende.

Die Wandering Readings gehören zum Programm des 25. international literature festival berlin, das sein Vierteljahrhundert markiert. Seit 2001 holt das Festival internationale Literatur nach Berlin — gegründet von Ulrich Schreiber, um eine Lücke zu schließen in einer Stadt, die für Film, Musik, Theater und Kunst längst internationale Plattformen hatte, aber nicht für Literatur. Rund 130 Autorinnen und Autoren aus etwa 40 Ländern bilden das diesjährige Programm. Die Wandering Readings sind ein Sonderformat, das den Festivalrahmen bewusst aus dem Haus der Berliner Festspiele herauslöst und in einen Ort verlagert, der selbst vom Thema handelt.

Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde im Sommer 2021 im denkmalgeschützten Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof eröffnet, wenige Gehminuten von der Topographie des Terrors entfernt. Es widmet sich der Geschichte erzwungener Migrationen mit Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert in Europa. Die Dauerausstellung behandelt Vertreibung aus politischen, ethnischen und religiösen Gründen — mit der Flucht und Vertreibung der Deutschen während und nach dem Zweiten Weltkrieg als einem, aber nicht dem einzigen Fokus. Es gibt einen Raum der Stille, eine Bibliothek, ein Zeitzeugenarchiv. Das Haus ist kein neutraler Veranstaltungsraum. Es ist ein Argument. Wenn hier Exillyrik gelesen wird, schwingen die Wände mit.

Die Autorinnen und Autoren des Abends bilden eine Geografie der Vertreibung: Volha Hapeyeva, belarussische Dichterin und Linguistin, die seit Jahren in Europa im Exil lebt und deren Arbeit die Schichten zwischen Sprachen durchleuchtet — Belarussisch als widerständige Geste gegen russische Dominanz, Deutsch als neue Hülle. Ahmed Awny, Ali Alzaeem, Hekma Yagoub, Mariia Kaziun, Yasser Niksada — zu einigen dieser Autorinnen und Autoren existieren kaum unabhängige Quellen außerhalb des ilb-Programms. Mazda Mehrgan, in deutschsprachigen Literaturkreisen kein Unbekannter. Dass nicht alle Namen sofort erkennbar sind, ist kein Manko. Es ist der Punkt. Ein Festival, das nur zeigt, wen man schon kennt, macht Literatur zum Bestätigungsritual. Die Wandering Readings setzen auf Stimmen, die gerade erst hörbar werden — oder die in ihren Herkunftsländern zum Schweigen gebracht wurden.

Das Format selbst verdient Aufmerksamkeit. Vier Leseorte innerhalb des Dokumentationszentrums. Zwischen den Intervallen bewegt sich das Publikum frei, wählt, wohin es geht, verpasst unweigerlich etwas. Das ist kein Bug, das ist das Prinzip. Die Erfahrung von Exil ist keine lineare Erzählung. Sie ist Bruchstück, Wiederholung, Lücke. Wer durch die Gänge des Deutschlandhauses von einer Lesung zur nächsten geht, vollzieht — auf eine sanfte, privilegierte, natürlich nicht vergleichbare Weise — eine Bewegung, die das Thema spiegelt. Man kommt irgendwo an und hat den Anfang verpasst. Man hört einen Satz, der ohne Kontext schwebt. Man muss sich orientieren.

Dazu kommt der Exile Poetry Dispenser: ein Automat, der Gedichte von 20 Autorinnen und Autoren ausgibt. Texte über Entwurzelung und den Verlust von Zugehörigkeit, die man mitnimmt wie einen Kassenbon, der schwerer wiegt als erwartet. Das Konzept des Lyrikautomaten ist nicht neu — Short Édition hat sie in französischen Bahnhöfen installiert, andernorts stehen ähnliche Geräte —, aber die Kombination aus Ort, Thema und Medium erzeugt hier eine spezifische Spannung. Ein Gedicht über Heimatverlust, ausgeworfen von einer Maschine, in einem Dokumentationszentrum für Vertreibung. Die Schichten sind da, ob man sie liest oder nicht.

Was an den Wandering Readings auffällt: Sie sind kein Solitär im ilb-Programm. Das Festival verschränkt seit Jahren Literatur und globale Krisenerfahrung — Panels zu inhaftierten Autorinnen und Autoren, Texte über Fluchtrouten, Erinnerungsprojekte zu kolonialer Gewalt. Die Wandering Readings sind die konsequenteste Umsetzung dieses Impulses: Literatur nicht als ästhetisches Erlebnis zu behandeln, das zufällig politisch ist, sondern als politische Notwendigkeit, die zufällig ästhetisch funktioniert.

Man könnte einwenden, dass solche Veranstaltungen ein gewisses Maß an institutioneller Gemütlichkeit produzieren. Exil als kuratierbares Erlebnis, Vertreibung als Kulturprogramm. Wer 8 Euro Eintritt zahlt und danach ein Glas Wein trinkt, hat die Erfahrung von Flucht nicht verstanden — und das Format weiß das. Es baut strukturelle Ehrlichkeit ein: Das Wandern, das Fragmentarische, die Unmöglichkeit des Vollständigen. Man kann diese Erfahrungen nicht bündeln. Man kann nur Ausschnitte hören. Das ist mehr, als eine Podiumsdiskussion mit Moderatorin und Wassergläsern leisten kann.

Berlin hat im April 2026 keinen Mangel an Kulturangeboten. Aber die Stadt, die selbst eine Geschichte aus Teilung, Flucht und Ankunft ist, hat wenige Orte, an denen Sprache und Raum so präzise aufeinander abgestimmt werden. Der Anhalter Bahnhof — dessen Ruine wenige Meter entfernt steht — war einer der großen Berliner Fernbahnhöfe, ein Ort des Aufbruchs und des Verlusts, von dem aus tausende in die Emigration gingen. Jetzt liest jemand ein Gedicht in einer Sprache, die in der Heimat vielleicht nicht mehr gesprochen werden darf. Zwischen diesen beiden Tatsachen liegt alles, worum es an diesem Abend geht.