Dreißig Jahre Kurzfilm, wo niemand hinschaut: dokumentART und die Frage nach dem Publikum
Seit dreißig Jahren kuratiert das dokumentART Festival in Neubrandenburg europäisches Kurzfilmkino zwischen Hybrid und Haltung — fast unsichtbar, fast unmöglich finanziert, und genau deshalb eine der ehrlicheren Fragen an die deutsche Kulturlandschaft.
Neubrandenburg liegt ungefähr dreieinhalb Stunden nordöstlich von Berlin, je nachdem, wie die Regionalbahn es gerade meint. Es ist eine Stadt, die in den meisten kulturellen Kartographien Deutschlands schlicht nicht vorkommt — nicht in den Feuilletons, nicht in den Festivalführern, nicht in den Algorithmen, die entscheiden, welche Events auf wessen Timeline gespült werden. Dass dort seit dreißig Jahren ein Filmfestival existiert, das sich europäischem Kurzfilm widmet, ist ein Wunder der Sturheit. Und vielleicht die ehrlichere Art von Kulturarbeit.
Das dokumentART European Film Festival nimmt bis zum 31. März 2026 Einreichungen für seine nächste Ausgabe an. Die Edition im Herbst — das Festival findet traditionell im Oktober in Neubrandenburg statt — wird sich erneut auf europäische Kurzfilme bis dreißig Minuten konzentrieren, mit einem dezidierten Fokus auf sozial engagiertes Kino, hybride Formen und formal waghalsige Arbeiten.
Die Programmierung liegt in den Händen eines Kuratorenteams, das Verbindungen zur Berlinale, zum Kasseler Dokfest, zu achtung berlin und zum amerikanischen Slamdance Festival unterhält. Diese Netzwerke sind kein Prestige-Schmuck, sondern Infrastruktur — der Grund, warum ein Festival wie dokumentART überhaupt überleben kann. Denn das muss man klar sagen: Unabhängige Filmfestivals in Deutschland, besonders solche abseits der Metropolen, navigieren seit Jahren durch eine Landschaft schrumpfender öffentlicher Förderung. Das Festival selbst formuliert es unverblümt: Jede Einreichung, jede Gebühr auf FilmFreeway hilft, eine „kritische Plattform für experimentelles, hybrides und politisch aufmerksames Kurzfilm-Kino" am Leben zu halten. Das ist kein Marketing-Speak. Das ist die Realität von Kulturarbeit in Mecklenburg-Vorpommern.
Eine der interessantesten Personalien in der Umgebung des Festivals ist Heleen Gerritsen, die dokumentART von 2014 bis 2016 leitete, bevor sie zur künstlerischen Leiterin des goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films am DFF in Wiesbaden wurde und seit Juni 2025 als künstlerische Direktorin der Deutschen Kinemathek die Retrospektive und Berlinale Classics verantwortet. Gerritsen studierte Slawistik und Osteuropäische Geschichte in Amsterdam, russische Philologie in Sankt Petersburg; ihre Interessen kreisen um Erinnerungskulturen, mittel- und osteuropäisches Kino, immersive Erzählformate. Dass eine Figur mit diesem Profil ihre kuratorische Laufbahn in Neubrandenburg geschärft hat, sagt etwas über den Ort — nicht als Sprungbrett, sondern als Labor. Ihre Berlinale-Retrospektive 2026 unter dem Titel „Lost in the 90s" untersucht die filmischen Reaktionen auf den Zusammenbruch der Sowjetunion, die Öffnung von Grenzen und Archiven: Chantal Akerman, Godard, Herzog, Harun Farocki, Andrei Ujică. Die Neunziger als Moment, in dem Ost und West sich gegenseitig anstarrten und versuchten, das Gesehene in Bilder zu fassen. Es ist nicht schwer, eine Linie zu ziehen zwischen dieser Retrospektive und dem, was dokumentART seit drei Jahrzehnten tut: europäisches Kino als Verhandlungsraum für politische Verwerfungen ernst nehmen.
Das aktuelle Kuratorenteam bringt weitere Perspektiven ein. Loraine Blumenthal, Dokumentarfilmerin aus Berlin, deren *The Mayor's Race* auf über dreißig internationalen Festivals lief, kennt sowohl die Festivallandschaft als auch die spezifischen Erzählungen Ostdeutschlands. Regina Kräh, die Film- und Kulturwissenschaft in Berlin und Amsterdam studierte und als Cutterin, Regie- und Produktionsassistentin arbeitete, bringt eine Praxis mit, die zwischen Theorie und Handwerk pendelt. Die Mischung aus akademischer Reflexion und produktionspraktischer Erfahrung im Team deutet darauf hin, dass die Filmauswahl nicht nur nach thematischer Relevanz, sondern auch nach formaler Neugier kuratiert wird.
Was dokumentART von vielen größeren Kurzfilmfestivals unterscheidet — Oberhausen, Clermont-Ferrand —, ist nicht das Bekenntnis zum Hybriden an sich. Das haben inzwischen alle. Es ist die Bereitschaft, den Grenzraum zwischen Dokumentar- und Spielfilm, zwischen Animation und Essay, zwischen Installation und Kino nicht nur zuzulassen, sondern aktiv zu kuratieren — mit einem Team, das die Referenzrahmen hat, um Qualität von bloßer Formspielerei zu unterscheiden. Über die letzten Jahre zeigt sich in den Einreichungsprofilen europäischer Kurzfilmfestivals ein Trend zu genau diesen hybriden Kategorien. Die Frage ist nicht, ob hybride Formen relevant sind — das sind sie —, sondern ob ein Festival die kuratorische Autorität besitzt, innerhalb dieses Feldes sinnvoll zu unterscheiden.
Man muss allerdings auch die Frage stellen, die niemand gerne stellt: Wer sieht diese Filme? Neubrandenburg hat knapp 63.000 Einwohner. Die Demografie Mecklenburg-Vorpommerns ist nicht gerade die eines natural audience für experimentelles Kurzfilm-Kino. Das Festival existiert in einem Spannungsfeld zwischen lokaler Verankerung und internationaler Ambition, zwischen der Notwendigkeit, vor Ort Publikum zu finden, und dem Anspruch, eine europäische Plattform zu sein. Diese Spannung kann produktiv sein. Ein Film über Prekarisierung, gezeigt in einer Stadt, die Prekarisierung nicht als abstraktes Thema kennt, sondern als Alltag — das verändert, was ein Film bedeutet. Zumindest theoretisch. Ob das Festival dieses Potenzial tatsächlich realisiert, lässt sich aus der verfügbaren Berichterstattung kaum beurteilen; die Quellenlage zu Publikumszahlen und lokaler Rezeption ist fast nicht existent.
Dreißig Jahre sind im Festivalbetrieb eine Ewigkeit. Dass dokumentART sie überlebt hat — ohne große Sponsoren, ohne Berliner Postleitzahl, ohne algorithmische Sichtbarkeit — ist vielleicht das Interessanteste an der ganzen Sache. Nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Frage: Was sagt es über eine Kulturlandschaft, wenn ihre beharrlichsten Institutionen die sind, von denen fast niemand weiß?