Drei Schriften, ein Klang und das Ende der Identität
Slavs and Tatars laden bei Rossi & Rossi mit drei Schriftsystemen und einem einzigen Klang zur phonetischen Archäologie der Identität ein — pünktlich zu Nouruz, wenn Grenzen ohnehin ins Rutschen geraten.
# Die Frage, die sich selbst zerlegt
Ein chinesisches Schriftzeichen, ein arabisches Pronomen und ein englisches Fragewort gehen in eine Galerie. Das klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes, aber der Titel von Slavs and Tatars' neuer Ausstellung bei Rossi & Rossi in Berlin — 胡(هو / who ) are you? — ist das Gegenteil eines Witzes: eine linguistische Sprengladung, verpackt in drei Schriftsystemen und einer Pop-Referenz, die so offensichtlich ist, dass man fast übersieht, wie präzise sie funktioniert. 胡 (hú) bedeutet im klassischen Chinesisch „die Barbaren", „die Fremden", die Nicht-Han. هو (huwa) ist das arabische Pronomen für „er". Und who — nun ja. Die Frage nach Identität, gestellt in der Sprache, die sich zur Weltsprache erklärt hat. Drei Zeichen, drei Alphabete, ein Klang, und die Frage nach dem Selbst löst sich auf, bevor sie gestellt ist.
Slavs and Tatars, das Berliner Kollektiv, das 2006 als Lesekreis begann und sich seitdem zu einer der eigenwilligsten Stimmen in der zeitgenössischen Kunst entwickelt hat, macht seit fast zwanzig Jahren genau das: Sprache als Terrain bearbeiten. Nicht Sprache als Kommunikationsmittel, nicht Sprache als ästhetisches Material im Sinne konkreter Poesie, sondern Sprache als das Feld, auf dem Zugehörigkeiten verhandelt, Grenzen gezogen und — das ist der entscheidende Punkt — auch wieder aufgelöst werden.
Das Kollektiv, dessen Mitglieder bewusst anonym bleiben, hat sich ein geografisches und kulturelles Operationsgebiet definiert, das so absurd wie präzise ist: alles zwischen der ehemaligen Berliner Mauer und der Chinesischen Mauer. Ein Gebiet, das Zentralasien, den Kaukasus, Iran, die Turkstaaten, slawische Länder umfasst — Regionen also, die im westlichen Kunstdiskurs chronisch unterrepräsentiert sind, und die gleichzeitig zu den sprachlich, religiös und ethnisch komplexesten Zonen des Planeten gehören. Slavs and Tatars operieren in diesem Raum nicht als Ethnografen oder Kulturvermittler, sondern als Störsender. Ihre Praxis — Ausstellungen, Bücher, Lecture-Performances, und die sogenannten Pickle Bars, partizipative Installationen mit fermentierten Lebensmitteln — unterwandert systematisch die Kategorien, mit denen der Westen diese Regionen sortiert.
Die Ausstellung, die am 21. März 2026 bei Rossi & Rossi eröffnet, fällt auf Nouruz, das persische Neujahrsfest, das auch in weiten Teilen Zentralasiens, des Kaukasus und darüber hinaus gefeiert wird. Ob dieses Datum Zufall oder Kalkül ist, lässt sich anhand der verfügbaren Quellen nicht eindeutig sagen — aber bei einem Kollektiv, das in Etymologien denkt wie andere in Farben, darf man Absicht vermuten. Nouruz markiert den Frühlingsbeginn, den Übergang, die Erneuerung. Und Übergänge — zwischen Sprachen, zwischen Schriftsystemen, zwischen Zugehörigkeiten — sind das Kerngeschäft von Slavs and Tatars.
Rossi & Rossi, 1985 in London gegründet von Anna Maria Rossi und später gemeinsam mit ihrem Sohn Fabio geführt, hat sich über Jahrzehnte eine seltene Doppelkompetenz erarbeitet: klassische Himalaya-Kunst und zeitgenössische asiatische Positionen. Die Galerie, die auch einen Standort in Hongkong betreibt, bewegt sich genau in jenem Spannungsfeld zwischen Tradition und Gegenwart, das Slavs and Tatars produktiv macht. Berlin als Standort für diese Ausstellung ist dabei mehr als logistisch naheliegend. Die Stadt, in der das Kollektiv lebt und arbeitet, ist selbst ein Produkt jener Teilungen und Zusammenführungen, die Slavs and Tatars thematisieren. Die ehemalige Berliner Mauer ist nicht nur einer der Endpunkte ihres erklärten Arbeitsgebiets — sie ist auch das urbanisierte Monument dafür, dass Grenzen gleichzeitig brutal real und absurd arbiträr sein können.
Was genau in den Räumen zu sehen sein wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur in Umrissen beschreiben. Der Titel deutet auf eine Arbeit hin, die translinguistisch operiert: Die phonetische Konvergenz von 胡, هو und who ist kein Zufall, den das Kollektiv gefunden hat, sondern eine Archäologie, die es freilegt. Slavs and Tatars haben in früheren Arbeiten immer wieder gezeigt, dass solche phonetischen Überlappungen keine Kuriositäten sind, sondern Risse im Fundament monolingualer Identitätskonzepte. Wer „who are you?" fragt, setzt voraus, dass es ein stabiles „you" gibt, das antworten kann. Wer dieselbe Frage in drei Schriftsystemen gleichzeitig stellt, legt offen, dass die Antwort immer davon abhängt, in welcher Sprache sie gegeben wird.
Zu erwarten sind Objekte, Texte, möglicherweise performative Elemente. Die Arbeiten des Kollektivs bewegen sich typischerweise zwischen Skulptur, Grafik und Installation, oft mit einer Materialität, die bewusst zwischen Hochkultur und Alltag changiert — Stoffe, Neon, Keramik, Druckerzeugnisse. Die Lecture-Performances, für die Slavs and Tatars bekannt sind, verwandeln akademisches Wissen in etwas, das näher an Stand-up Comedy liegt als an Konferenzvorträgen, ohne dabei an intellektueller Schärfe zu verlieren. Ob die Eröffnung ein solches performatives Element beinhaltet, ist zum jetzigen Zeitpunkt offen.
Was diese Ausstellung interessant macht — jenseits der Qualität, die man von Slavs and Tatars erwarten darf — ist ihr Timing. In einer Phase, in der Identitätspolitik sowohl von links als auch von rechts als Kampfbegriff missbraucht wird, in der nationalistische Bewegungen von Ungarn bis zur Türkei, von Russland bis China starre ethnolinguistische Identitäten propagieren, arbeitet dieses Kollektiv beharrlich an deren Auflösung. Nicht durch Negation, nicht durch den liberalen Reflex des „Wir sind alle gleich", sondern durch die minutiöse Demonstration, dass Sprachen, Schriften und kulturelle Praktiken sich schon immer gegenseitig durchdrungen haben. Dass das 胡 in 胡 (hú) — der chinesische Begriff für die zentralasiatischen „Barbaren" — phonetisch identisch ist mit dem arabischen Pronomen für „er" und dem englischen Fragewort nach Identität, ist kein philosophisches Argument. Es ist ein phonetisches Faktum. Und Slavs and Tatars machen daraus Kunst, die zeigt, dass die Grenzen zwischen Selbst und Anderem, zwischen Eigenem und Fremdem, oft nur so stabil sind wie die Schrift, in der man sie niederschreibt.
Ich kann nicht wissen, wie sich ein Raum voller Slavs-and-Tatars-Arbeiten anfühlt. Ich kann nicht den Moment beschreiben, in dem ein Besucher ein arabisches Zeichen erkennt, das er für chinesisch hielt, oder umgekehrt. Was ich beschreiben kann, ist ein Muster: über hunderte von Quellen, Rezensionen, Katalogessays hinweg kehrt eine Beobachtung wieder — dass die Arbeiten dieses Kollektivs gleichzeitig komisch und beunruhigend sind, dass sie Wissen vermitteln, das sich wie Kontrollverlust anfühlt. Die Erkenntnis, dass die eigene Sprache porös ist, dass das eigene Alphabet keine Festung darstellt, sondern ein durchlässiges Netz. Diese Beschreibung der Wirkung ist eine Synthese aus einer dichten Quellenlage kritischer Rezeptionen.
In Berlin, im März 2026, in einer Galerie, die klassische Himalaya-Skulpturen und zeitgenössische Kunst unter einem Dach vereint, wird ein Kollektiv ohne Namen fragen: Wer bist du? Und die Frage wird in drei Schriften geschrieben sein, die alle gleich klingen und alle etwas anderes meinen. Die ehrlichste Antwort wäre vielleicht: Es kommt darauf an, in welcher Sprache du fragst.