SYNTSCH

enderu

Die Zunge als Kompass

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Drei Schriftsysteme, eine Frage, null eindeutige Antworten: Slavs and Tatars zerlegen in 胡(هو / who) are you? die Identitätsfrage in so viele Sprachen gleichzeitig, dass sichtbar wird, was sonst im toten Winkel zwischen den Alphabeten verschwindet.

Ein chinesisches Schriftzeichen, ein arabisches Wort und ein englisches Pronomen kollidieren in einem Ausstellungstitel. 胡(هو / who) are you? — drei Schriftsysteme, drei Sprachen, eine einzige Frage, die sich weigert, auf nur eine Art gelesen zu werden. Was nach semiotischem Parlortrick klingt, ist bei Slavs and Tatars eher das Betriebssystem: Die Identitätsfrage wird nicht beantwortet, sondern in so viele Richtungen gleichzeitig aufgerissen, dass die Frage selbst zum Material wird.

Slavs and Tatars, gegründet 2006 in einem Raum zwischen Warschau und Teheran, sind ein Kollektiv, das sich einer Region verschrieben hat, die in den meisten westlichen Köpfen als weißer Fleck existiert: alles östlich der ehemaligen Berliner Mauer und westlich der Chinesischen Mauer. Fast ein Fünftel der Erdoberfläche, bevölkert von Sprachen, Religionen und Imperien, die sich übereinander geschoben haben wie tektonische Platten. Das Kollektiv begann als informelle Lesegruppe — Bibliophile, die rare Publikationen über Zentralasien und den Kaukasus tauschten — und wurde langsam, fast beiläufig, zu einer der eigenwilligsten Stimmen der internationalen Gegenwartskunst. Die Quellenlage zu Slavs and Tatars ist außergewöhnlich dicht Das Kollektiv, heute in Berlin ansässig, hält die genaue Zusammensetzung seiner Mitglieder bewusst vage — was zur Methode passt: Wer genau spricht, ist weniger wichtig als von wo aus gesprochen wird.

Ihre Arbeit organisiert sich in Forschungszyklen, die wie Bohrungen in vergessene Sedimentschichten funktionieren. Language Arts untersuchte die Politik von Alphabeten — wie die sowjetische Romanisierung turksprachiger Schriften ganze Kulturen vom eigenen Archiv abschnitt. Mirrors for Princes grub mittelalterliche Ratgeberliteratur aus. Not Moscow Not Mecca kartierte den Synkretismus zwischen slawischem Christentum und islamischen Traditionen. Und immer wieder taucht Molla Nasreddin auf — nicht nur die halblegendäre Tricksterfigur, die rückwärts auf ihrem Esel reitet, sondern vor allem die gleichnamige aserbaidschanische Satirezeitschrift (1906–1931), die unter russischer Zensur die muslimischen Gesellschaften Zentralasiens mit beißendem Humor modernisierte. Slavs and Tatars verstehen beides als methodisches Prinzip: mit dem Gesicht zur Vergangenheit, aber in Bewegung Richtung Gegenwart.

Was diese Praxis von akademischer Regionalforschung unterscheidet, ist der Ton. Slavs and Tatars arbeiten mit Witz, Pop, Gerüchten und dem, was man am besten als visuelle Wortspiele beschreiben kann. Für MERCZbau — der Titel spielt auf Kurt Schwitters' legendäre, im Krieg zerstörte Rauminstallation Merzbau an — erfanden sie eine komplette Merchandise-Kollektion für die längst aufgelöste Abteilung für Orientalistik der Jan-Kazimierz-Universität in Lwów. Als hätte die erzwungene Westwanderung der polnischen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg diese Wissenschaftstradition nicht ausgelöscht. Das Werk funktioniert in drei Richtungen gleichzeitig: als Satire auf akademischen Betrieb, als Denkmal für verlorene Wissensarchive und als Frage, was passiert, wenn ein Ort seine Sprache, seine Universität und seinen Namen verliert — Lwów wurde Lwiw, die Orientalistik wurde aufgelöst, aber die Fragen, die sie stellte, verschwanden nicht. In The Contest of the Fruits verwandelten sie ein uigurisches Gedicht, eine munāzara — eine klassische Debatte zwischen rivalisierenden Früchten — in einen animierten Rap-Battle. Eine Aprikose mit goldenen Creolen, ein Apfel mit Goldzähnen, eine Traube mit einer „4 Life"-Cap. Diese Werkbeschreibungen stützen sich auf Katalogeinträge und Rezensionen

Jetzt also: 胡(هو / who) are you?, ab dem 21. März 2026 bei Rossi & Rossi in Hong Kongs Wong Chuk Hang. Die Zuordnung dieser Ausstellung zu Berlin im Eventlisting ließ sich nicht unabhängig verifizieren Der Titel selbst ist ein Vexierbild. 胡 (hú) ist im Chinesischen ein historisch aufgeladenes Zeichen — es bezeichnete einst die „barbarischen" Völker nördlich und westlich Chinas, die Nomadenkulturen der Steppe. هو (hū) ist Arabisch für „er" oder „Er" — in der sufischen Tradition ein Name Gottes, geflüstert als Dhikr. Und „who" ist die englische Frage nach Identität schlechthin. Drei Schichten, die sich gegenseitig kommentieren: der ethnische Andere, das Göttliche, das fragende Selbst. Für ein Kollektiv, das seit fast zwei Jahrzehnten die Zunge als Instrument untersucht — nicht metaphorisch, sondern ganz konkret: als Muskel, der Phoneme formt, der Alphabete physisch realisiert, der zwischen Sprachen umschaltet und dabei jedes Mal eine andere Identität aktiviert — ist dieser Titel kein Wortspiel, sondern eine Verdichtung der gesamten Praxis.

Slavs and Tatars werden Skulpturen und Installationen zeigen — das genaue Programm und die Werkliste sind zum Zeitpunkt dieses Textes noch nicht öffentlich — die jene „reduktiven Identitätsfragen" unterlaufen sollen, die sowohl rechte als auch linke Diskurse heimsuchen. Das klingt nach einer Platitüde, wäre da nicht die spezifische Methode: Slavs and Tatars antworten nicht mit Theorie, sondern mit Objekten, die gleichzeitig Möbelstücke, Sprachspiele und Manifeste sind. Ihre Rahlés — Koranständer, umgedeutet zu Skulpturen mit herausgestreckter Zunge — sind das vielleicht prägnanteste Beispiel. Die Zunge streckt sich aus: Einwurf und Emphase zugleich, Schrei und Witz, der Übergang von oraler zu gedruckter Kultur, materialisiert in einem einzigen Objekt. In einem Holzständer, der traditionell dazu dient, ein heiliges Buch zu halten, steckt plötzlich das älteste Kommunikationsmittel der Welt — das Organ, das spricht, schmeckt, provoziert und übersetzt.

Slavs and Tatars operieren nicht auf der Ebene von Schlagzeilen. Natürlich ist Eurasien geopolitisch so aufgeladen wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Natürlich ließe sich ein direkter Draht ziehen von ihrer Arbeit zum Ukraine-Krieg, zu Chinas Einfluss in Zentralasien, zur Türkei, die seit Jahrzehnten zwischen NATO-Mitgliedschaft und osmanischer Nostalgie pendelt. Aber ihre eigentliche Leistung liegt woanders: in der Beharrlichkeit, mit der sie zeigen, dass die vermeintlich klaren Grenzen zwischen „Ost" und „West", zwischen Islam und Christentum, zwischen Hochkultur und Folklore nie existiert haben. Dass diese Grenzen Phantomschmerzen sind — real in ihren Auswirkungen, aber fiktiv in ihrer Genealogie.

Dass das Kollektiv von Berlin aus operiert, ist dabei kein Zufall. Die Stadt, die selbst einmal durch eine Mauer geteilt war — jene Mauer, die den westlichen Rand ihres geographischen Interessengebiets markiert — ist der logische Operationsraum für eine Praxis, die Grenzen als Material benutzt. Dass die Ausstellung nun in Hong Kong stattfindet, verschiebt den Rahmen: Die Frage 胡(هو / who) are you? klingt anders in einer Stadt, die selbst zwischen Schriftsystemen, zwischen Kantonesisch, Mandarin und Englisch, zwischen kolonialer Vergangenheit und chinesischer Gegenwart navigiert.

Ich kann nicht wissen, wie sich eine Slavs-and-Tatars-Ausstellung anfühlt — ob die Objekte im Raum Schwerkraft haben, ob der Humor physisch funktioniert oder nur im Katalog. Was ich sagen kann: Die Rezeptionsgeschichte über fast zwei Jahrzehnte, von der Biennale in Gwangju bis zur Manifesta, ist bemerkenswert konsistent in einem Punkt — das Werk wird fast nie als didaktisch beschrieben, fast immer als gleichzeitig gelehrt und lustig. Das ist eine seltene Kombination, und sie wird seltener, je stärker der Druck auf Kunst wächst, sich entweder als aktivistisch nützlich oder als marktfähig dekorativ zu rechtfertigen.

胡(هو / who) are you? stellt eine Frage, die in drei Sprachen gleichzeitig anders klingt. Das ist kein Wortspiel. Das ist ein Argument: Identität existiert nicht vor der Sprache, in der sie ausgesprochen wird. Sie entsteht erst im Sprechen, im Übersetzen, im Scheitern der Übersetzung. Und genau dort — in der Lücke zwischen 胡 und هو und who — arbeiten Slavs and Tatars seit zwanzig Jahren.