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enderu

Die Revolution klingt nach Karaoke

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Fünf Freunde aus Kairo lieferten 2011 den Soundtrack zum Sturz Mubaraks — jetzt spielen Cairokee in der Huxleys Neue Welt, und die Frage ist, was Revolutionsmusik bedeutet, wenn die Revolution verloren hat.

Fünf Freunde aus Kairo nennen ihre Band nach einem Wortspiel: Cairo plus Karaoke gleich Cairokee. Die Stadt singt mit. Was 2003 als harmloser Insiderwitz begann, wurde acht Jahre später zur Hymne einer Generation, die ihre Diktatur stürzen wollte. Am 30. März spielen Cairokee in der Huxleys Neue Welt in Neukölln — einer Halle, die seit Jahrzehnten alles gesehen hat, von Iggy Pop bis Rollschuh-Disco. Diesmal kommen fünf Ägypter, die mit ihren Gitarren zwischen die Fronten eines Kontinents geraten sind.

Die Geschichte von Cairokee liest sich wie ein Lehrstück über die Frage, was passiert, wenn Popmusik plötzlich real wird. Amir Eid (Gesang, Gitarre), Sherif Hawary (Leadgitarre), Tamer Hashem (Schlagzeug), Sherif Mostafa (Keyboards) und Adam El-Alfy (Bass) kennen sich seit der Schulzeit. Sie coverten englische Songs in Bars der Kairoer Uni-Viertel, nannten sich zunächst The Black Stars und spielten vor einem überschaubaren Publikum aus der oberen Mittelschicht. Dann kam der Moment, der alles änderte: die Entscheidung, auf Arabisch zu singen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus dem Gefühl heraus, dass es — in den Worten der Band selbst — „beschämend" sei, dauerhaft in einer Sprache zu performen, die nicht die eigene Muttersprache ist. Ein kleiner Schritt, der sich im Nachhinein als die entscheidende Weichenstellung herausstellt.

2009 erschien das selbstbetitelte Debütalbum. Zwei Jahre später stand Ägypten in Flammen. Die Revolution vom 25. Januar 2011 fegte Hosni Mubarak aus dem Amt, und Cairokee lieferten den Soundtrack dazu: „Sout al-Horeya" — Stimme der Freiheit. Das Musikvideo, gedreht auf dem Tahrir-Platz, zeigt Menschen aller Schichten, die den Text mitsingen, die Kamera schwenkt von den Seitenstraßen über den Platz hinweg zur Qasr al-Nil-Brücke. Es ist das Karaoke, das der Bandname versprach, nur dass niemand mehr lacht. Der Song wurde zu einem der meistgeteilten arabischsprachigen Musikvideos seiner Zeit. Die Mitsingmusik für Kairo wurde zur Mitsingmusik für eine gesamte Region.

Was danach kam, war komplizierter als der Rausch des Anfangs. Das Album „Matloob Za'eem" (Ein Anführer gesucht) von 2011 adressierte direkt die Fragen, die nach dem Sturz eines Diktators bleiben: Wer führt jetzt? Wohin? Die Jahre des Militärrats (SCAF), die Präsidentschaft Morsis, schließlich Sisis Griff nach der Macht ab dem Sommer 2013 — Cairokee begleiteten jede Phase mit Musik, die sich nicht ins Abstrakte zurückzog. Auf „Sekka Shemal" (Falsche Abbiegung) von 2014 beschrieben sie einen Zustand der Verwirrung; drei Jahre später, auf dem Album von 2017, referierten sie explizit auf ihre eigenen früheren Texte und konstatierten, dass die Welt sich grundlegend verändert habe — nicht eine falsche Abbiegung, sondern „seka shamal fi shimal", eine nach der anderen. Cairokee machen etwas, das im Mainstream-Pop selten vorkommt: Sie führen ein Gespräch mit ihrem eigenen früheren Ich, korrigieren sich, positionieren sich neu.

Pink Floyd und The Beatles nennt die Band als zentrale Einflüsse. Der Vergleich greift weniger über den Sound als über den Anspruch: dass ein Rocksong Dokument seiner Zeit sein kann und nicht nur Kulisse. Nur dass die Zeit, die Cairokee dokumentieren, Konsequenzen hat, die über schlechte Kritiken hinausgehen. Zensur ist keine Metapher. Die Band hat Kontroversen erlebt, Songs wurden gesperrt, der schmale Grat zwischen künstlerischem Ausdruck und politischer Gefahr gehört zu ihrem Alltag. Ihr jüngstes Album „Roma" zeigt eine Band, die sich zugleich öffnet und behauptet: Songs wie „James Dean", „Costa Rica" und „Tarantino" verweisen auf westliche Popkultur, ohne die eigene Perspektive aufzugeben. Es ist eine Geste der Selbstverständlichkeit — wir gehören zur Welt, nicht nur zur Region.

Was erwartet das Publikum in der Huxleys Neue Welt? Cairokee live sind, nach allem was die Quellenlage hergibt, eine Band, die ihre Energie aus der Spannung zwischen Stadionambition und politischer Intimität zieht. Die Setlists ihrer jüngsten Tournee — nach Auftritten in Nordamerika und dem Nahen Osten jetzt erstmals flächendeckend in Europa — mischen die älteren Hymnen mit dem neueren, kosmopolitischeren Material, wobei Berichte über die konkreten europäischen Shows noch kaum vorliegen.

Die Frage, die über diesem Abend schwebt: Was passiert mit Revolutionsmusik, wenn die Revolution vorbei ist — oder schlimmer, wenn sie verloren hat? Cairokee sind nicht Rage Against the Machine, die aus einer stabilen Demokratie heraus gegen das System anschreien können. Sie operieren in einem Land, in dem die politischen Räume, die 2011 kurz aufbrachen, sich wieder geschlossen haben. Die Tatsache, dass sie überhaupt noch Musik machen, die irgendeinen politischen Gehalt hat, ist an sich bemerkenswert.

Für Berlin, eine Stadt, die ihre eigene komplizierte Beziehung zu Revolution, Mauer und dem Danach hat, ist dieses Konzert kein Exportprodukt arabischer Rockmusik. Es ist die Konfrontation mit einer Band, die seit über zwei Jahrzehnten versucht, gleichzeitig eine Stimme ihrer Stadt zu sein und nicht von ihr verschluckt zu werden. Cairokee heißt: Kairo singt mit. Die Frage ist nur, ob Kairo noch mitsingen darf — und was die fünf Freunde aus der Schulzeit tun, wenn die Antwort unklar ist. In Neukölln, im Schatten der Hasenheide, in einer Halle, die Iggy Pop und Rollschuh-Disco überlebt hat, könnte man für einen Abend so tun, als wäre die Antwort ja.