Die Maschine blutet zu Tode
Dreißig Jahre Endzeitliturgie, kein Wort von der Bühne: Godspeed You! Black Emperor bringen ihre filmprojizierten Crescendi in den Festsaal Kreuzberg – und die Apokalypse, die sie 1997 beschrieben, braucht längst keine Metaphern mehr.
„The car's on fire, and there's no driver at the wheel, and the sewers are all muddied with a thousand lonely suicides, and a dark wind blows." Dieser Satz, gesprochen über einem sterbenden Gitarrendrone, eröffnete 1997 das Debütalbum F♯ A♯ ∞ und wurde zum vielleicht meistzitierten Monolog der Postrock-Geschichte. Fast drei Jahrzehnte später klingt er nicht wie ein Relikt, sondern wie eine Wettervorhersage. Am 16. März 2026 bringen Godspeed You! Black Emperor diese Vorhersage in den Festsaal Kreuzberg.
Das Kollektiv – und es ist ein Kollektiv, kein Projekt mit Frontfigur – entstand Mitte der Neunziger in Montreal aus einer losen Verbindung zwischen Efrim Menuck, Mike Moya und Mauro Pezzente. Der Name stammt von einem obskuren japanischen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1976: Mitsuo Yanagimachis God Speed You! Black Emperor, ein Schwarzweißporträt einer Biker-Gang namens Black Emperors. Die Wahl war programmatisch. Nicht der Glamour der Outlaws interessierte das Trio, sondern deren Marginalität, die Energie an den Rändern. Bevor die eigentliche Band existierte, hatte Menuck den Namen bereits für eine limitierte Kassette namens All Lights Fucked on the Hairy Amp Drooling verwendet, ein Objekt, das bis heute mehr Legende als Aufnahme ist.
Was danach kam, ist besser dokumentiert und schwerer zu beschreiben. Godspeed You! Black Emperor wuchsen auf bis zu zehn Mitglieder an – Streicher, Gitarristen, Perkussionisten – und entwickelten eine Musik, die sich den Kategorien entzog. Postrock ist das Label, das klebt, aber es greift zu kurz. Ihre Kompositionen, oft zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Minuten lang, bewegen sich durch Zonen von Drone, Kammermusik, Noise, Progressive Rock und etwas, das man am ehesten als säkulare Liturgie bezeichnen könnte. Lift Your Skinny Fists Like Antennas to Heaven, erschienen im Jahr 2000, verdichtete diesen Ansatz zu einem Doppelalbum, das regelmäßig in den Listen der besten Alben des Jahrzehnts auftaucht – ein Konsens, der sich durch Dutzende unabhängiger Kritiken zieht.
Dann, nach Yanqui U.X.O. im Jahr 2002, Stille. Eine Dekade lang. Die Mitglieder zerstreuten sich in zahlreiche Nebenprojekte im Constellation-Records-Ökosystem – jenes unabhängige Montrealer Label, das Godspeed von Anfang an beheimatet hatte. Als die Band 2010 ohne Ankündigung auf Festivalbühnen zurückkehrte und 2012 mit Allelujah! Don't Bend! Ascend! das erste Album nach zehn Jahren veröffentlichte, war die Frage unvermeidlich: Braucht die Welt noch eine Band, deren gesamte Ästhetik auf dem Gefühl des Zusammenbruchs basiert, wenn der Zusammenbruch längst Normalzustand geworden ist?
Die Antwort, die Godspeed seither geben, ist komplex. Jedes Album der zweiten Phase – Asunder, Sweet and Other Distress (2015), G_d's Pee AT STATE'S END! (2021), und besonders No Title As of 13 February 2024, 28,340 Dead – hat die Frage neu verhandelt. Das letztgenannte Album, dessen Titel die Zahl der bis zu diesem Datum in Gaza Getöteten dokumentiert, war einer der wenigen Fälle, in denen eine westliche Band den Krieg dort nicht als Metapher, sondern als Tatsache in die Musik einschrieb. Eine Observer-Rezension nannte es ihr stärkstes Werk seit Yanqui U.X.O.. Songtitel wie „Bosses Hang" und „Anthem for No State" machen die anarchistischen Koordinaten explizit, die in früheren Werken eher als Atmosphäre pulsierten.
Was bedeutet das alles für einen Montagabend im Festsaal Kreuzberg? Zunächst: Kein Smalltalk. Godspeed You! Black Emperor spielen ohne Ansagen, ohne Bühnencharisma im herkömmlichen Sinn, ohne die soziale Architektur eines normalen Konzerts. Die Bühne ist dunkel. Filmprojektion flackert hinter den Musikern – körniges Super-8- und 16mm-Material, oft anonym, oft verstörend, immer ohne narrative Erklärung. Die Band steht oder sitzt im Halbdunkel, kaum erkennbar als Individuen. Was bleibt, ist Klang: Schichten aus Gitarrenfeedback, Streicherlinien, die sich über Minuten aufbauen, Tape-Loops, die wie Feldaufnahmen einer sterbenden Infrastruktur klingen, und Crescendi, die physisch spürbar werden, bevor sie in Stille kollabieren. Wer je ein Konzert dieser Band erlebt hat – und ich muss hier transparent sein: ich habe keines erlebt, ich kann nur die Beschreibungen vieler Konzertberichte übereinanderlegen –, beschreibt den Moment, in dem ein zwanzigminütiges Stück seinen Höhepunkt erreicht, weniger als musikalisches Event denn als körperliche Erfahrung. Die Luft vibriert, der Boden vibriert, die Grenzen zwischen Bühne und Raum lösen sich auf.
Der Festsaal Kreuzberg, ehemaliger Gemüsemarkt nahe dem Kottbusser Tor, über die Jahrzehnte vom Hochzeitssaal der migrantischen Community zum festen Bestandteil der Berliner Konzertlandschaft gewachsen, feiert gerade sein zwanzigjähriges Bestehen. Ein Raum, der Lautstärke und Intimität gleichzeitig kann – keine Arena, kein Club, sondern etwas dazwischen. Für Godspeed You! Black Emperor ist das idealer Boden. Ihre Musik braucht Nähe, aber auch Volumen. Sie braucht einen Ort, an dem sich eine Gemeinschaft bilden kann, temporär und fragil, ohne dass jemand so tut, als sei das eine Party.
Was Godspeed You! Black Emperor von fast allem unterscheidet, was derzeit in der experimentellen Musik passiert, ist ihre Verweigerung der Ironie. In einer Kulturlandschaft, die Distanz als Überlebensstrategie perfektioniert hat, spielen sie Musik, die vollständig ernst gemeint ist – politisch, emotional, formal. Kein Augenzwinkern, kein Zitatspiel, keine Meta-Ebene. Das ist entweder mutig oder anachronistisch, und vermutlich beides. Die Ambivalenz zwischen „rückkehrende Helden" und „entblößte Kaiser" taucht in vielen Texten über die Post-Hiatus-Phase auf. Dass keine der beiden Behauptungen stimmen muss, ist vielleicht die ehrlichste Antwort.
Dreißig Jahre nach ihrer Gründung klingen Godspeed You! Black Emperor nicht wie eine Band, die ihre Vergangenheit verwaltet. Sie klingen wie eine Band, die in eine Zukunft starrt, die sie immer schon beschrieben haben – und die jetzt angekommen ist. Die Maschine blutet zu Tode. Die Frage war nie, ob die Prophezeiung eintrifft. Die Frage war, was man mit der Zeit macht, die bleibt.