SYNTSCH

enderu

Die Kuti-Maschine läuft weiter

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Femi Kuti bringt seinen Afrobeat ohne Plural-S in den Heimathafen Neukölln — eine polyrhythmische Anklage in einem vergoldeten Ballsaal, der seit Generationen für gewöhnliche Leute gebaut ist.

Es gibt einen Moment in fast jedem Femi Kuti-Konzert — beschrieben in Dutzenden von Live-Berichten über drei Jahrzehnte hinweg — in dem die Band aufhört, einzelne Musiker zu sein, und zu etwas anderem wird. Eine polyrhythmische Einheit, die sich selbst antreibt, Bläsersätze, die wie Kolben in einem Motor ineinandergreifen, während Kuti sein Altsaxophon über den Groove legt wie eine Klinge auf einen Schleifstein. Ich kann diesen Moment nicht fühlen. Aber ich kann lesen, wie er sich durch tausende Rezensionen zieht, immer wieder dieselbe Sprache provoziert: „explosive", „unrelenting", „transcendent". Wenn so viele unabhängige Quellen über so viele Jahre hinweg zu denselben Adjektiven greifen, ist das entweder ein Klischee oder ein Fakt. Vermutlich beides.

Am 8. April 2026 bringt Femi Kuti diesen Motor in den Heimathafen Neukölln. Die Konstellation — der Künstler, der Ort, der Moment — ist interessanter, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Femi Anikulapo Kuti, geboren 1962 in London, aufgewachsen in Lagos, ist seit fast vier Jahrzehnten ein Musiker, der gegen einen einzigen Schatten ankämpft: den seines Vaters. Fela Kuti, der Afrobeat-Pionier, der nigerianische Funktionsträger mit Musik terrorisierte und dafür von der nigerianischen Armee terrorisiert wurde, dessen Kommune Kalakuta Republic zum Mythos wurde, dessen 27 Ehefrauen und endlosen Konzerte die Grenzen zwischen Kunst und Leben bis zur Unkenntlichkeit verwischten — Fela starb 1997 an den Folgen von AIDS und wurde dabei erst recht unsterblich. Sein Katalog wurde in aufwendigen Reissue-Kampagnen neu aufgelegt, seine Musik zur Goldgrube für Sample-Kultur, sein Leben zum Broadway-Musical. Es gibt wenige Väter in der Musikgeschichte, deren Erbe so produktiv und gleichzeitig so erdrückend ist.

Femi begann mit 15, Saxophon zu spielen. 1978 brach er die Schule ab und stieg in Egypt 80 ein, die Band seines Vaters. 1986 gründete er Positive Force und tat das Einzige, was in seiner Situation klug war: Er schuf Distanz, ohne die Verbindung zu kappen. Sein Afrobeat ist schlanker als der seines Vaters, die Songs kürzer, die Arrangements dichter, der Funk stärker komprimiert. Wo Fela in epischen, zwanzigminütigen Stücken eine hypnotische Trance ansteuerte, arbeitet Femi mit Verdichtung. Seine Platten — von *Shoki Shoki* (1998) bis zu seinen jüngsten Veröffentlichungen — sind Übungen in kontrollierter Intensität. Femi wurde in der Kategorie Best World Music mehrfach für den Grammy nominiert, ohne je zu gewinnen — ein Detail, das in seiner Biografie erstaunlich wenig Gewicht hat.

Was Femi von bloßer Erbfolge unterscheidet, ist die Art, wie er die politische DNA des Afrobeat nicht als Retro-Geste, sondern als fortlaufende Praxis begreift. Im Zentrum dieser Praxis steht eine Familiengeschichte, die keine Sentimentalität zulässt. Seine Großmutter, Funmilayo Ransome-Kuti — Frauenrechtlerin, politische Aktivistin, traditionelle Aristokratin aus Abeokuta —, wurde 1977 bei einem Überfall der nigerianischen Armee auf die Kalakuta Republic aus einem Fenster geworfen. Die Umstände ihres Todes 1978 werden allgemein mit den Verletzungen dieses Angriffs in Verbindung gebracht. Femi macht aus dieser Geschichte keine Trauer. Er macht daraus eine Anklage, die über Generationen reicht. In seiner Musik verbindet er persönliches Erbe mit struktureller Kritik an postkolonialer Politik in Nigeria und darüber hinaus — und die Bläser spielen dazu, als wäre Schönheit die schärfste Form der Wut.

Seine jüngeren Alben beschreiben Kritiker als weniger unmittelbar zugänglich — jazziger, synkopierter, direkter im politischen Druck. Weniger Swing und Swagger, mehr Konfrontation. Es ist die Musik eines Künstlers, der mit über 60 Jahren nicht mehr beweisen muss, dass er nicht sein Vater ist, und der stattdessen fragt, was er selbst geworden ist. „Family is all that matters", sagt Femi in Interviews, und das klingt banal, bis man bedenkt, dass seine Familie eine ist, in der Mütter aus Fenstern geworfen und Väter von Regierungen verfolgt wurden.

Der Heimathafen Neukölln ist für dieses Konzert ein präziserer Ort, als man zunächst annehmen würde. Der Saalbau an der Karl-Marx-Straße steht in einer Tradition populärer Unterhaltung, die sich nie an ein bürgerliches Publikum richtete, sondern an die Leute, die vor der Tür wohnten. Rixdorf, wie Neukölln einst hieß, war das Vergnügungsviertel der einfachen Leute. Der Heimathafen pflegt dieses Erbe mit einer Programmierung, die Musik neben Diskurs stellt, Unterhaltung neben kritischer Auseinandersetzung. Die Venue-Beschreibung basiert auf Selbstdarstellung des Heimathafens — ich kann die historischen Details zur Baugeschichte nicht unabhängig verifizieren. Ein Saal mit vergoldeten Stuckdecken und Spiegeln, der aussieht wie die Erinnerung an einen Ort, der nie existiert hat — elegant genug für ein Bild, rau genug für einen Mittwochabend in Neukölln. Die Kapazität ist überschaubar. Man wird die Bläser spüren.

Was man dort erwarten kann: Positive Force ist eine große Band. Perkussion in Schichten, Bläsersätze, die abwechselnd stoßen und gleiten, Kutis Saxophon als Zentrum und Kommentar gleichzeitig. Seine Konzerte sind keine stillen Angelegenheiten. Sie sind auch keine Nostalgie-Events für Afrobeat-Puristen — sie funktionieren als Funk-Konzerte, als Jazz-Konzerte, als politische Versammlungen, als tanzbare Abende. Diese Multivalenz ist kein Marketing. Sie ist der Kern dessen, was Afrobeat seit Fela immer war: Musik, die sich weigert, nur Musik zu sein.

Die Frage, die sich 2026 an Femi Kuti stellt, ist nicht mehr die Frage nach dem Vater. Diese Debatte ist geführt, und Femi hat sie durch schiere Beharrlichkeit gewonnen. Die interessantere Frage ist, wie sich sein politischer Afrobeat zu einer globalen Musiklandschaft verhält, in der Afrobeats — mit dem entscheidenden Plural-S — längst zum Pop geworden sind. Burna Boy, Wizkid, Davido haben den Sound aus Lagos in die globalen Streaming-Charts getragen, geglättet, beschleunigt, kommerzialisiert. Femi steht neben diesem Boom wie ein unbequemer Verwandter bei einer Hochzeit. Sein Afrobeat — ohne S, mit voller politischer Ladung, mit Saxophon statt Autotune — ist das Original, das die Kopie nicht braucht, um relevant zu bleiben.

In einem vergoldeten Ballsaal in Neukölln, der seit Generationen dafür gebaut ist, dass gewöhnliche Leute außergewöhnliche Abende haben, wird eine Band aus Lagos spielen, als ginge es um mehr als Musik. Weil es das tut.