Die Geister der Rua 13 de Maio
Bixiga 70 bringen die verschüttete Geschichte eines Quilombo-Viertels in São Paulo als rein instrumentale Wucht ins Kreuzgewölbe des Gretchen — zehn Musiker, die Afrobeat spielen wollten und dabei ihre eigene afro-brasilianische DNA freilegten.
# Die Geister der Rua 13 de Maio
In einer Bar an der Rua 13 de Maio im Viertel Bixiga, São Paulo, soll Stevie Wonder nach seinen offiziellen Gigs noch weitergespielt haben. Das war in den Siebzigern, als der Laden noch Teleco-teco da Paróquia hieß und die Stadt noch nicht unter Beton und Spekulation verschwunden war. Heute steht an derselben Adresse — Hausnummer 70 — ein Aufnahmestudio namens Traquitana Studios. Dort arbeitet ein Zehnerkollektiv, das sich nach dem Ort und einer Verbeugung vor Fela Kutis Afrika 70 benannt hat. Am 4. April spielen Bixiga 70 im Gretchen.
Das Datum selbst ist kein Zufall im Kalender, auch wenn es als solcher verbucht wird. Bixiga 70 befinden sich auf der Zirkulationsbahn eines Albums, das nach vier Jahren Pandemie, politischer Verwüstung und personellem Umbau entstand: *Vapor*, erschienen 2023 auf Glitterbeat Records, das fünfte Album der Band und ihr bislang melodischstes. Der Guardian schrieb von „infectious exuberance", Songlines gab vier Sterne. Die kritische Rezeption von *Vapor* ist bemerkenswert einheitlich positiv Aber die eigentliche Geschichte von Bixiga 70 lässt sich nicht auf ein Album reduzieren. Sie ist tiefer vergraben, in einer Straße, einem Stadtviertel, einer verschütteten Geschichte.
Bixiga, das Viertel in São Paulo, war einmal Saracura — das erste urbane Quilombo der Stadt, eine Siedlung entflohener Sklaven und indigener Brasilianer, bevor europäische Einwanderer, vor allem Italiener, das Gebiet überformten. Der 13. Mai 1888 markiert die offizielle Abschaffung der Sklaverei in Brasilien durch die Goldene Lei Áurea. Die Rua 13 de Maio trägt dieses Datum im Namen. Hier steht auch die Heimat der berühmtesten Sambaschule São Paulos, Vai Vai. Wer diesen Ort als Bandnamen wählt, trifft eine Aussage über Herkunft, Klasse und kulturelles Gedächtnis, bevor ein einziger Ton gespielt wird.
Die Band entstand am 12. August 2010, nach einer Begegnung mit Tony Allen, Fela Kutis legendärem Schlagzeuger. Man wollte Afrobeat spielen. „Shit, we tried to play Afrobeat, but it came out Brazilian", erinnert sich Keyboarder Mauricio Fleury. Dieser Satz enthält die ganze Poetik des Projekts: der Versuch, ein westafrikanisches Genre zu adaptieren, und die Entdeckung, dass die eigene musikalische DNA — Candomblé-Gesänge, Samba, Carimbó, Cumbia — das Material unweigerlich transformiert. Bixiga 70 spielen ausschließlich instrumental. Keine Texte, keine Yabbis im Sinne Felas, keine verbalen politischen Deklarationen. Diese bewusste Entscheidung gegen Lyrics wird in der akademischen Afrobeat-Rezeption als signifikante Abweichung von Felas Modell diskutiert Trotzdem ist die Musik politisch geladen: Stücke wie „Primeiramente" auf *Quebra Cabeça* (2018) wurden explizit als Reaktion auf Brasiliens soziopolitische Krise komponiert — eine Kampfansage ohne Worte, getragen von Bläsersätzen, die sich in Schichten übereinandertürmen wie Barrikaden.
Dass die Band bei der Amtseinführung von Luiz Inácio Lula da Silva spielte, fügt sich logisch ein. Baritonsaxophonist Cuca Ferreira sprach danach von vier Jahren rechtsextremer Regierung, die darauf abzielte, „Aspekte brasilianischer Identität zu zerstören, vom Amazonas bis zu unserer eigenen". *Vapor* entstand im Licht danach. Der Opener „Malungu" ist ein Slow-Burner mit äthiopischen Anklängen, komponiert von Gastperkussionistin Simone Sou. Der Closer „Loa Lua" driftet in Electronica. Dazwischen: fünf Uptempo-Tracks, die Afrobeat mit Ska, Jazz und Samba verschmelzen, aber mit leichterem Schritt als zuvor. Das neue Line-up — zwei Perkussionistinnen, ein experimentellerer Keyboarder — hat die Band verändert, ohne sie zu verraten.
Im Gretchen wird das anders klingen als auf Platte. Das war immer so bei Bixiga 70: Jede Rezension, die ich finde, betont die Diskrepanz zwischen Studioaufnahmen und Live-Erlebnis, wobei das Zweite das Erste regelmäßig in den Schatten stellt. Zehn Musiker auf der Bühne, vier Bläser, doppelte Percussion, Bass, Gitarre, Keys — das ist kein Konzert, das ist eine kinetische Masse. Die Beschreibungen ihrer Live-Shows konvergieren auffällig: „hurricane", „storming", „blistering" Ich kann nicht wissen, wie sich das anfühlt. Ich kann nicht wissen, wie der Schweiß unter dem Kreuzgewölbe des Gretchen kondensiert, wenn zehn Menschen aus São Paulo das Tempo hochziehen. Was ich sagen kann: Die Architektur des Gretchen — ein ehemaliger preußischer Dragonerstall aus dem 19. Jahrhundert mit gewölbter Decke und legendärer Akustik — ist auf Resonanz gebaut. Was laut reingeht, kommt verdichtet zurück.
Das Gretchen hat sich seit seiner Eröffnung 2010 als Berlins verlässlichster Raum für das positioniert, was man „leftfield beats" nennen könnte — ein Ort, der elektronische Musik, Jazz, Live-Konzerte und DJ-Sets nebeneinander existieren lässt, ohne dass das eklektisch-beliebig wirkt. Für Bixiga 70 ist es ein idealer Resonanzraum: nicht zu groß, nicht zu klein, historisch aufgeladen auf eine Art, die zum Charakter der Band passt. Preußische Militärställe treffen auf afro-brasilianische Bläsersätze. Das klingt nach einer Pointe, ist aber eher eine Beschreibung davon, was Berliner Nachtleben im besten Fall tut — Räume umwidmen, Geschichten übereinanderschreiben.
Was Bixiga 70 in einem größeren Kontext bedeuten, lässt sich nicht trennen von der Frage, was mit Afrobeat als Genre passiert. Felas Erbe ist mittlerweile global verteilt, fragmentiert, re-interpretiert — von Antibalas in Brooklyn bis Kokoko! in Kinshasa, von Ebo Taylor-Wiederentdeckungen bis zu algorithmischen „Afrobeats"-Playlists, die den politischen Kern des Genres zugunsten eines vagen Wohlfühl-Panafrikanismus aushöhlen. Bixiga 70 operieren an einer spezifischen Schnittstelle: Sie nehmen Afrobeat ernst genug, um seine formale Struktur zu übernehmen — die Polyrhythmik, die Call-and-Response-Struktur der Bläser, die langsam aufgebaute Spannung — aber sie bestehen darauf, dass das Material durch ihre eigene Geschichte hindurchmuss. Durch Saracura, durch Candomblé, durch die Tropicália von Os Mutantes, durch die psychedelische Schwere brasilianischer Siebziger-Funk-Platten.
Dass sie dabei auf Worte verzichten, ist kein Mangel, sondern eine Methode. In einem Land, in dem Musik immer politisch war — von Gilberto Gil über Caetano Veloso bis zu den Blocos Afro in Salvador — haben Bixiga 70 einen Weg gefunden, politische Dringlichkeit rein instrumental zu kommunizieren. Ob diese Dringlichkeit in einem Berliner Clubkontext vollständig ankommt, ist eine offene Frage Aber vielleicht ist das auch nicht der Punkt. Vielleicht ist der Punkt, dass zehn Menschen auf einer Bühne stehen, die gemeinsam komponieren, die Credits teilen, die ein Studio betreiben in einem Viertel, dessen Geschichte unter Gentrifizierung verschwindet, und dass sie eine Musik spielen, die dich zum Tanzen zwingt, bevor du verstehst, warum.
Am 4. April, unter dem Kreuzgewölbe des Gretchen, wird das keine abstrakte Idee sein. Es wird eine Wand aus Blech und Percussion sein, die sich auf dich zubewegt.