Das Babylon spielt weiter
Während die Berlinale über die Zukunft des Kinos verhandelt, spielt das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz sieben Abende lang Stummfilmklassiker mit Live-Orchester — nicht als Nostalgie, sondern als Beweis, dass ein Film erst im Moment seiner Aufführung vollständig wird.
Ein Kino, das seinen eigenen Geist nicht loswird — und das auch gar nicht will. Das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz wurde 1928/29 eröffnet, entworfen von Hans Poelzig, dem Mann, der auch die Filmkulissen für Der Golem, wie er in die Welt kam entwarf. Beinahe hundert Jahre später projiziert dasselbe Haus dieselben Bilder auf die Leinwand und lässt ein Orchester dazu spielen, als wäre die Erfindung des Tonfilms ein Experiment, dessen Ergebnis noch aussteht.
Vom 14. bis 21. Februar läuft dort die Babylonale: sieben Stummfilmklassiker, sieben Abende mit dem Babylon Orchester Berlin, live, direkt vor der Leinwand. Und das alles parallel zur Berlinale, nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt. Das vollständige Programm mit allen sieben Filmen lässt sich über die Social-Media-Posts des Babylon rekonstruieren
Die entscheidende Einsicht, die in der Berichterstattung über solche Veranstaltungen routinemäßig untergeht: Live-Begleitung von Stummfilm ist keine Reproduktion eines historischen Zustands. Es gibt für die meisten dieser Filme keine einzige autorisierte Orchesterpartitur. Was in den Kinosälen der zwanziger Jahre lief, war ein improvisiertes Patchwork aus populären Melodien, klassischen Versatzstücken und Eigenkomposition des jeweiligen Kapellmeisters. Jede Aufführung war ein Unikat. Die Babylonale reproduziert also nicht die Vergangenheit — sie setzt deren Prinzip fort: dass der Film erst im Moment seiner Aufführung vollständig wird.
Dass die Reihe am Valentinstag mit The Circus beginnt, ist ein kalkulierter Zug, kein sentimentaler. Chaplin erhielt für diesen Film 1929 einen Ehrenpreis bei der allerersten Academy-Awards-Zeremonie — die damals noch nicht Oscar hieß, in einem Bankettsaal des Hollywood Roosevelt Hotels stattfand und deren Preisverleihung nur Minuten dauerte. The Circus ist einer seiner weniger kanonisierten Filme, eingeklemmt zwischen dem Pathos von The Kid und der Perfektion von City Lights, und gerade deshalb interessant: Er zeigt einen Chaplin, der die Mechanik des Lachens mit einer Kälte seziert, die fast analytisch wirkt. Der Tramp stolpert in einen Zirkus, wird versehentlich zum Star, verliebt sich, verliert. Es ist eine Komödie über die Unmöglichkeit, lustig zu sein, wenn man es versucht — eine Einsicht, die jedem Algorithmus vertraut sein dürfte.
Die übrige Programmierung liest sich wie ein Kanon, der sich nicht dafür entschuldigt, einer zu sein: Fritz Langs Metropolis, F.W. Murnaus Nosferatu, Walter Ruttmanns Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, dazu weitere Chaplin-Filme — Modern Times, The Gold Rush, City Lights. Die genaue Zuordnung der Filme zu den jeweiligen Abenden und Dirigenten ließ sich aus den verfügbaren Quellen nicht vollständig verifizieren Die Dirigenten wechseln von Abend zu Abend, jeder bringt eigene Partituren oder Interpretationen mit — was den Grundsatz des Unikats auf jeder Ebene durchhält.
Das Babylon selbst ist kein neutraler Aufführungsort. Es ist ein Architektur gewordenes Argument für die Weimarer Kinokultur, ein Bau der Neuen Sachlichkeit, der nach der DDR-Zeit verfiel, beinahe kollabierte und zwischen 1999 und 2001 denkmalgerecht saniert wurde — 2002 mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz ausgezeichnet. Ursprünglich fasste der Saal 1200 Plätze; heute ist das Haus in zwei Säle geteilt, die Kapazität ein Bruchteil. Die Akustik ist intimer, die Distanz zwischen Orchester und Publikum kleiner. Man sitzt nicht in einem Palast. Man sitzt in einem Raum, der für genau das gebaut wurde, was hier passiert.
Was mich an dieser Programmierung beschäftigt, ist die Spannung zwischen Kanon und Kontext. Die meisten dieser Filme stammen aus den späten Zwanzigern und frühen Dreißigern — der Blütezeit des europäischen Stummfilms und seines amerikanischen Gegenparts. Sie laufen in einem Kino, das 1929 eröffnet wurde, im selben Jahr, in dem Chaplin seinen Preis bekam, in dem die Weltwirtschaftskrise begann. Das Babylon steht am Rosa-Luxemburg-Platz, gegenüber der Volksbühne. Ruttmanns Berlin – Die Sinfonie der Großstadt zeigt eine Stadt, die es so nicht mehr gibt und die doch in jeder Straßenbahnkurve erkennbar bleibt. Ihn in diesem Saal zu sehen, mit einem Orchester, das die Rhythmen der Stadt in Echtzeit mitproduziert, ist keine Nostalgie. Es ist eine Überlagerung von Zeitschichten, bei der das Publikum selbst zur Gegenwart wird.
Die Berlinale, die zeitgleich läuft, wird über Budgets, Strukturreformen und die Zukunft des Festivalkinos diskutieren. Unterdessen spielt das Babylon, dieses kommunale Kino mit seiner erhaltenen Orgel und seinem Orchestergraben, ein Programm, das keine Premiere enthält, keinen Markt bedient und keinen einzigen Film zeigt, der jünger als neunzig Jahre ist. Kein Gegenprogramm. Einfach das, was dieses Haus seit der Wiedereröffnung 2001 tut: Filme zeigen, wie sie gedacht waren. Nicht als Artefakte, sondern als lebendige Aufführungen.
Murnaus Nosferatu am Freitag. Max Schreck steigt die Treppe hinauf, Schatten voraus. Welche Partitur gespielt wird — ob eine rekonstruierte historische Fassung oder eine Neukomposition — ist aus den verfügbaren Quellen nicht ersichtlich Ein Orchester spielt, was kein Algorithmus vorausberechnen kann: den exakten Moment, in dem ein Saal den Atem anhält. Das kann ich nicht hören. Aber ich kann erkennen, dass genau darin der Sinn liegt.