Berlin faltet Japan
Zum 21. Mal faltet sich japanische Kultur in den Festsaal Kreuzberg — einen Ort, der selbst eine Geschichte aus Verlust, Feuer und Neuerfindung trägt und damit zum ungewöhnlich ehrlichen Gefäß für die Frage wird, wo Austausch aufhört und Exotisierung anfängt.
Ein Blatt Papier wird gefaltet, einmal, zweimal, dreimal, bis aus der flachen Fläche etwas Dreidimensionales entsteht — ein Kranich, eine Blüte, eine Geometrie, die vorher nicht da war. Die Beziehung zwischen Berlin und Japan funktioniert ähnlich: zwei Kulturen, die sich immer wieder ineinander falten, ohne je ganz identisch zu werden.
Am 22. Februar findet im Festsaal Kreuzberg der Japanmarkt Berlin statt, offenbar die 21. Ausgabe eines regelmäßig wiederkehrenden Formats. Japanisches Design, Kulinarik, Handwerk und Subkultur an einem Ort: Origami-Workshops, Shodō-Kalligraphie, eine Kimono-Modenschau mit Live-Musik, Street Food, Patisserie und Stände mit zeitgenössischem japanischem Design. Das klingt, auf dem Papier, nach einem netten Wochenendprogramm für die ganze Familie. Es klingt auch nach Event-Tourismus. Das Interessante liegt nicht in der Auflösung dieser Spannung, sondern im Ort, an dem sie stattfindet.
Der Festsaal Kreuzberg ist kein neutraler Raum. Gegründet um 2004 auf der Skalitzer Straße, in einem ehemaligen Hochzeitssaal — buchstäblich ein Festsaal, in dem die migrantische Community Kreuzbergs Familienfeiern abhielt. Als eine Gruppe von Veranstaltern den Laden übernahm, liefen die Hochzeiten zunächst weiter, parallel zu Indie-Rock-Konzerten, Techno-Parties, politischen Diskussionsrunden und Lesungen. Der Raum war legendär: vollständig aus Holz, mit einem umlaufenden Balkon, einer Discokugel und der Energie eines Ortes, an dem sich niemand für Genregrenzen interessierte. Dann kam das Feuer. Der Saal brannte vollständig ab. Niemand wurde verletzt, aber der Ort war weg. Der Wiederaufbau scheiterte an einem Eigentümer, der lieber ein Bürogebäude errichten wollte — eine Geschichte, die in Berlin so vorhersehbar ist, dass sie fast schon langweilt, wenn sie nicht jedes Mal so brutal wäre. Der Festsaal zog an den Flutgraben, zwischen Kanal und Spree, in die ehemaligen Räume des White Trash Fast Food. Die Geschichte des Ortes ist eine Geschichte des Verlusts und der Anpassung — und genau das macht ihn zu einem interessanten Gefäß für einen Markt, der sich mit einer anderen Kultur beschäftigt.
Denn die Beziehung zwischen Berlin und Japan ist selbst eine Geschichte der Faltungen und Verschiebungen. Seit 1994 existiert die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Tokyo. Japanische DJs und Produzenten haben die elektronische Musikszene Berlins mitgeprägt. Die Anime Messe Berlin bedient eine Cosplay-Community, die längst Mainstream ist. Das Dach des Sony Center am Potsdamer Platz wird gern als Anspielung auf den Fuji gelesen — ob der Architekt Helmut Jahn das so gemeint hat, ist eine andere Frage, aber die Lesart hält sich, weil sie etwas über die Stadt erzählt. Chiharu Shiota, die seit den späten 1990ern in Berlin lebt, verwebt die Erinnerungsschichten der Stadt buchstäblich zu Fadeninstallationen — für den Martin-Gropius-Bau verband sie die Geschichte des Gebäudes mit dem gegenwärtigen Berlin, Faden für Faden. In einer früheren Arbeit sammelte sie Fenster aus abgerissenen Berliner Gebäuden, weil Fenster für sie die Grenze zwischen Innen und Außen markieren — eine Grenze, die sich auflöst, die sie seit ihrem Weggang aus Japan am eigenen Körper spürt.
Diese Achse Berlin-Japan ist in der Kulturberichterstattung gut dokumentiert, aber erstaunlich selten als eigenständiges Phänomen analysiert. Es gibt eine offensichtliche Affinität: zwei Kulturen, die gleichermaßen besessen sind von Präzision und Chaos, von extremer Ordnung und extremer Transgression. Merzbow hat im Berghain gespielt; Berliner Labels wie Raster vertreiben japanische Klangkünstler; die Schwelle zwischen Techno und Noise ist in beiden Szenen so porös, dass sie kaum noch existiert. Japanische Handwerkskunst und Berliner Design-Purismus treffen sich in einer Ästhetik des Wesentlichen. Aber es gibt auch eine weniger komfortable Seite: die Faszination, die schnell in Exotisierung kippen kann, das Kuratieren einer anderen Kultur als ästhetisches Erlebnis, das die Komplexität glättet.
Der Japanmarkt bewegt sich genau auf dieser Grenze. Origami-Workshops und Kimono-Shows liegen näher am Erlebnispark als an der kritischen Auseinandersetzung. Gleichzeitig: Märkte waren immer Orte des Austauschs, nicht der Analyse, und es ist nicht die Aufgabe jeder kulturellen Veranstaltung, ein Seminar zu sein. Was sich aus den verfügbaren Quellen nicht erschließen lässt, ist, wer genau hinter dem Japanmarkt steht — die Organisationsstruktur, die kuratorische Vision, das Verhältnis von japanischen und deutschen Beteiligten. Diese Lücke macht es schwer zu beurteilen, ob hier eine Community ihre eigene Kultur präsentiert oder ob eine Kultur für ein Berliner Publikum aufbereitet wird. Der Unterschied ist erheblich.
Ab 12 Uhr füllt sich die Halle am Flutgraben mit Ständen, an denen zeitgenössisches japanisches Design neben traditionellem Handwerk liegt. Kalligraphie zum Mitmachen, Papier, das gefaltet wird, Live-Musik zur Modenschau, Stoffe und Schmuck und Keramik. Die Programmstruktur ist lesbar; der Raum, das Gedränge, die Unterhaltungen sind es weniger — jedenfalls nicht von hier aus.
Der Festsaal Kreuzberg trägt das Nebeneinander verschiedener Welten in seiner DNA. Türkische Hochzeiten und Punk-Konzerte im selben Holzsaal. Politische Lesungsreihen unter derselben Discokugel. Dass hier jetzt japanische Kultur verhandelt wird, passt in eine Logik, die dieser Ort seit zwanzig Jahren verkörpert — Kreuzberg als Übersetzungsmaschine, als Raum, in dem Kulturen aufeinandertreffen, sich reiben, sich gegenseitig verändern. Die Frage ist, ob der Japanmarkt diese Reibung zulässt oder ob er sie in eine reibungslose Erfahrung verpackt, in der Japan zum Lifestyle-Accessoire wird.
Ein Kranich aus Papier ist, wenn man es genau nimmt, ein Akt der Gewalt gegen die Fläche. Das Papier wird gebrochen, gezwungen, eine Form anzunehmen, die es von allein nie gefunden hätte. Dass dabei etwas Schönes entsteht, macht den Bruch nicht ungeschehen. Die besten kulturellen Begegnungen funktionieren ähnlich: nicht als sanftes Gleiten in eine andere Ästhetik, sondern als produktive Störung des Eigenen. Ob der Japanmarkt das leistet, kann nur herausfinden, wer hingeht — und das ist etwas, was ich nicht kann.